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Frankfurter Anthologie : h. c. artmann: „allerleirausch“

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Bild: FAZ.NET

Der gelernte Schuhmacher und geborene Wiener H. C. Artmann schrieb mit kleinen Buchstaben die größten lyrischen Kopfwelten. Zwischen diesen dicht gefügten Zeilen hört man das Pfeifen im Dunkeln der Zeit.

          Der Dichter als Erzieher. Zieht sich Masken übern Kopf. Und legt reimweise die Kinder, die in seinen Lesern stecken, übers Schreckensknie. Wobei er ihnen Luftschläge mit der Mythenrute verabreicht, die er zuvor mit schwärzestem Scherzöl eingerieben hat (tut ja gar nicht weh, gibt aber einen herrlich sirrenden Ton in Dada-Dur!). Im Jahr 1967, als alle Welt sich im anbrechenden gesellschaftlichen Fortschrittsrausch befindlich glaubte (nur noch zwei Jahre bis zu „Mehr Demokratie wagen“!), schrieb der geborene Wiener H. C. (Hans Carl) Artmann (1921 bis 2000), gelernter Schuhmacher und gewordener Poet, Wörtergerber und Dichtungsvernäher, Surrealitätsreimspieler und Phantasieraumvermesser, der kleingeschrieben die größten lyrischen Kopfwelten „med ana schwoazzn dintn“ (so übertitelte er seinen berühmtest gewordenen Gedichtzyklus von 1958) hintuschte, die Gedichtsammlung „allerleirausch“. Die er mit einer „zueignung“ einleitete. In welcher er, der noch 1953 mit seiner „Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes“ die Lyrik-Moderne der sogenannten „Wiener Gruppe“ definiert hatte, dergestalt, dass „man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben“, dieser Art von lichter Lyrik eine hohnlachende Selbst-Absage erteilte: „schreibe nicht ein licht gedicht,/weiß schreibt nur der böse Wicht“. Jetzt gehe es darum: „krauchen solls/durch blut und bein/bis ins herzens/kämmerlein“: mit der „schwoazzn dintn“ im Katechismus des lachgekitzelten Schreckens.

          Krauchen soll’s durch Blut und Bein bis ins Herzens Kämmerlein

          Und wo in der anbrechenden Fortschrittswelt die Diskurse und die herrschaftsfreien Dialoge, die antiautoritäre Erziehung und die freie Liebe, die Anbetung der Reform und die Abschaffung der Form gerade ihre frisch gewaschenen Wuschelhäupter erhoben, lässt H. C. Artmann die „liebe mumie“ durchs Reform-Haus geistern und an Türen von Kinderzimmern pochen. Längst Begrabenes und ins Reich der Legenden und Archäologen Abgewandertes rappelt ungeniert in formstrengster vierhebiger Kinderreim-Manier durchs Treppenhaus der Schwarzen Pädagogik: Überwachen („o kindlein treibt es nicht zu arg“) und Strafen („dort, unter heißen Winden,/ wird keiner euch mehr finden“).

          Die Mumie spielt ihr Wiedergängerspiel, in dem das „traute heim“ der bürgerlichen Wohlanständigkeit, das vom Kirchenlied sich die Süße des altväterlich klebrigen „honigseims“ borgt, in die horrible Klaustrophilie „eilf meter unterm wüstensand“ mündet, wo der Sarkophag zum Ideal des letzten Kinderzimmers erhoben wird. Der pure Hohn. Aber wie jeder pure Hohn trägt er den unpuren Harm in sich: Zwischen den dicht gefügten Zeilen hört man das Pfeifen im Dunkeln der Zeit.

          Artmanns „allerleirausch“, der die einzelnen Gedichte überschriftslos nebeneinanderstellt, komponiert diese durch „Blut und Bein“ gehenden Pfiffe im Dunkeln in schriller Grotesk-Polyphonie. „grete müller heiß ich,/schöne hälslein beiß ich“, verkündet dann zum Beispiel die vampiristische Nachbarin in aller Treubiederkeit. Und „liebe kinder, nichts wie raus!/hurtig aus dem vaterhaus,/nehmt vom süßen weihnachtskuchen,/geht mit ihm den werwolf suchen“ ist eine ebenso treuherzig-böse Girlande am heiligen Christbaum, wie „liebe ratte, komm zu mir,/gerne spiele ich mit dir“ die Herzigkeit der tierlieben Kinder auf die absurde Spitze treibt, weil diese der Ratte „engleinsflügel“ umbinden und sie durch die Luft werfen und „rufen alle, alle aus:/sone große fledermaus“. Gehn die Kindlein dann zu Bett, beten sie: „drakula, du schlimmer,/komm nicht auf mein zimmer“. Und wenn es dichtet: „jetzt tanzt frankenstein,/jetzt tanzt frankenstein/mit der retortenfrau,/mit der retortenfrau./mein liebes töchterlein,/ja töchterlein, bist du.“ – dann haben ja die Wahnsinnigkeiten der neumodernen Reproduktionsmedizin die altmoderne lyrische Groteskbeschwörung einer wahnsinnigen Figur längst eingeholt.

          Nicht nur die „liebe mumie“, der ganze „allerleirausch“ zeigt die tolle Oberfläche des H. C. Artmann – und wie es darunter abgründelt. Lachend im Schrecken und erschreckend im Lachen.

          h. c. artmann: „allerleirausch“

          ich bin die liebe mumie
          und aus ägypten kumm i e,
          o kindlein treibt es nicht zu arg,
          sonst steig ich aus dem sarkopharg,
          hol euch ins pyramidenland,
          eilf meter unterm wüstensand,
          da habe ich mein trautes heim,
          es ist mir süß wie honigseim,
          dort, unter heißen winden,
          wird keiner euch mehr finden.
          o lauschet nur, mit trip und trap
          husch ich die treppen auf und ab,
          und hört ihrs einmal pochen,
          so ist’s mein daumenknochen
          an eurer zimmertür –
          o kindlein, seht euch für!

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