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Frankfurter Anthologie : Eugène Ionesco: „Elegie für die Kleiepuppe“

Bild: Allstar

Der Dramatiker des Absurden und die niemals endende Furcht vor dem Tod: Über Puppenspiele, Kinderängste und den verführerischen Sog der Schicksalsergebenheit.

          3 Min.

          Das rumänischsprachige Debüt Eugène Ionescos, der schmale Gedichtband „Elegien für kleine Wesen“, ist weitgehend unbekannt. Es erschien im Dezember 1931, etwa ein Jahr vor Ionescos Diplomabschluss in neuer Philologie an der Universität Bukarest. Es liegt nicht nur an der überwiegend negativen Kritik, auf die der Band stieß, dass er in der Folge selten wahrgenommen und kaum übersetzt wurde, sondern auch am Autor. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms als französischsprachiger Dramatiker des Absurden und Verfasser bis heute gespielter Stücke wie etwa „Die Nashörner“, einer politischen Parabel auf das Mitläufertum, war es Ionesco (1909 bis 1994) selbst, der zum strengen Selbstverriss ausholte.

          Im Gespräch mit Claude Bonnefoy bezeichnete er die Jugendgedichte 1966 als „jämmerlich, voll von rudimentären Anthropomorphismen: weinende und blutende Blumen, die von Wiesen, von Frühling und allem möglichen träumen.“ Das war eine durchaus berechtigte Kritik des allzu pathetischen Tonfalls seiner frühen Lyrik, aber auch eine Betonung der beschränkten Möglichkeiten der rumänischen Kultur, die nach seiner Ansicht der französischen unterlegen war.

          Die künstlerische Selbstverleugnung hatte etwas Ödipales an sich: Der rumänische Vater, ein Anwalt, war für den Sohn die Verkörperung der Autorität und des Autoritativen, ihm zufolge ein „Rechtsintellektueller“ und dann doch nur jemand, der „wie alle andern“ handelte. Den Sohn zog alles zur Mutter, einer in Rumänien geborenen Tochter französischer Protestanten, und nach Frankreich und weg vom Vater und dem als Exil empfundenen Geburts- und Vaterland Rumänien. Die letzte Begegnung mit dem Vater fand 1932 statt und endete in einem Eklat. Der Vater verunglimpfte den Sohn als „verjudet“.

          Klage der Marionette über ihre Ohnmacht

          Was sich im Kleinen der Familie abspielte, war auch im Großen des intellektuellen Umfelds Ionescos am Werk. Immer mehr Freunde und Mitglieder seiner „Generation 1927“ ließen sich mit derselben rumäno-faschistischen „Nashornitis“ anstecken und intellektualisierten als sogenannter „Criterion-Kreis“ die Umtriebe der „Legion Erzengel Michael“ und ihrer „Eiserne Garde“ genannten militärischen Subdivision, die der Faschist Corneliu Zelea Codreanu ins Leben gerufen hatte. Ionesco gehörte zu den wenigen, die dem widerstehen konnten. Die Konzeption des Debüts verlief parallel zu dieser jahrelangen Zuspitzung der politischen Entwicklungen, deren Anteil am Existenzialismus der Klagegedichte mit ihren Kinderfiguren, Bleisoldaten und (Menschen-)Puppen nicht unwesentlich ist.

          Sein Interesse an Erscheinungsweisen des Kleinen und an metaphysischen Skalierungen sah Ionesco in seiner französischen Kindheit begründet, in den Besuchen des Kasperletheaters im Jardin du Luxembourg, das ihm die Welt „in einer unendlich vereinfachten und karikierten Form“ darstellte, „als wollte es deren groteske und grausame Wahrheit unterstreichen“. Spielsoldaten und Puppen tauchen in seiner Erinnerungsprosa häufig dann auf, wenn der Vater in der Nähe ist.

          Einmal nennt er die Mutter „nur ein armes, wehrloses Kind“ und „eine Puppe in den Händen [s]eines Vaters und Gegenstand seiner Quälereien“. Ein andermal schenkt der Vater der Schwester Ionescos eine „riesige unzerbrechliche Puppe“: „sie nimmt sie in die Hand, läßt sie fallen und zerbricht die unzerbrechliche Puppe“. Stets bleibt der Vater relevant für das Verständnis des Puppen- und Marionetten-Diskurses. Denn Ionesco definiert seine Angst vor dem Tod als eine um die Mutter, die Puppe, und nicht um den übermächtigen Vater, den Puppenspieler: „Man kann nichts dagegen tun. Aber was sind das für Lebensbedingungen, an Fäden gezogen zu werden wie Marionetten?“

          An diesen Existenzialismus und Fatalismus knüpft die „Elegie für die Kleiepuppe“ an. Das „du“ ist der nicht näher bestimmte, gottähnliche Puppenspieler, der die Schicksalsfäden zieht, um die Puppenglieder zu bewegen. Die Puppe ist nicht zuletzt eine Karikatur des Menschen, der zur Marionette verkommt, weil er sich der Schicksalsgläubigkeit überlässt und sich nicht gegen vermeintliche Übermächte zur Wehr setzt – aus Borniertheit wie die Mitläufer in „Die Nashörner“ oder aus großer Dummheit, weil er Kleie, weil er Stroh im Kopf hat.

          Was im Laufe des Lebens eine Option war, ist durch den Tod unwiederbringlich verloren: die Möglichkeit des Widerstands. Zu spät: Dem Tod ist nicht beizukommen, „niemand kann was tun.“ Hätte sich die Menschenpuppe nicht bis zuletzt im Marionettenstatus halten lassen, dann wäre ihr Tod eine Schande und sie wäre nicht lächerlich gewesen. Doch es kam anders. Die Menschenpuppe harrte bis ins hohe Alter darin aus: bis zur Augenlidschlaffheit, bis zur Trief­äugigkeit (der Weinerlichkeit), bis zum schiefen Mund.

          Das Originelle an Ionescos Debüt ist die poetische Pädagogik. Der Titel „Elegien für kleine Wesen“ weist darauf hin, dass es sich hier um Klagegedichte handelt, die Kinder lesen oder die ihnen vorgelesen werden können. Das heißt, die Konfrontation von Kindern mit Tod, Traurigkeit und Trauer kann nicht früh genug geschehen. Doch die Grundthese des Debüts lautet: Kinder werden sich bereits des Todes bewusst , wenn sie noch mit Puppen spielen. Ionesco selbst wollte den Tod im Alter von vier Jahren entdeckt haben.

          Eugène Ionesco: „Elegie für die Kleiepuppe“

          Es zerbrach
          die Puppe, die die rechte Hand bewegte,
          wenn du zogst am linken Faden,
          und das Bein, das linke,
          wenn du zogst am rechten Faden.

          Jetzt bewegt sie gar nichts mehr.
          Und niemand kann was tun.
          Niemand etwas.
          Das wars.

          Ihr Augenlid ist schlaff, ihr Auge weinerlich,
          ihr Mund ist schief,
          und aus dem Ellenbogen, Kopf und Halse:
          Kleie, Kleie, Kleie.

          Kleie nur, was sie enthielt.
          Das Blut, es tropfte ab, man sah es nicht.
          Das Leben blieb jedoch erdrosselt,
          eingeschoben zwischen Halmen,
          zwischen Lumpen,
          zwischen Holz,
          unter der Pupille, welche schlaff, des Lappens.

          Das ist für niemand eine Schande.

          Die Puppe, eine lächerliche Puppe war sie
          und zerkratzt (die Nase).

          Aus dem Rumänischen von Alexandru Buluzc

          Elegie pentru păpuşa cu tărâţe

          S-a sfărîmat
          păpuşa care mişca mîna dreaptă,
          cînd trăgeai sfoara stîngă,
          şi piciorul stîng,
          cînd trăgeai sfoara dreaptă.

          Acum nu mai mişcă nimic.
          Şi nimeni nu poate face nimic.
          Nimeni nimic.
          Gata.

          Ea are ochiul bleg şi plîngăreţ,
          gura strîmbă,
          şi din cot, şi din cap şi din gît:
          tărîţe, tărîţe, tărîţe.

          N-avea numai tărîţe în ea.
          Sîngele s-a scurs şi nu s-a văzut.
          Dar viaţa a rămas sugrumată,
          şi vîrîtă aici printre paie,
          printre zdrenţe,
          printre lemne,
          sub pupila bleagă de cîrpă.

          Nu este pentru nimeni un păcat.
          Păpuşa era o păpuşe caraghioasă
          şi julită (la nas).

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