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Frankfurter Anthologie : Alexander Puschkin: „Gib Gott, dass mich nicht Wahnsinn packt“

Bild: akg-images

Puschkin schrieb dieses Gedicht im Herbst 1833, als der Gipfelpunkt seiner außerordentlichen Beliebtheit überschritten war. Fürchtete er damals um seinen Verstand?

          Alexander Puschkins dichterisches Stoßgebet um den Erhalt seines Verstandes (siehe Kasten unten) imponiert, weil es zugleich illusionslos das subalterne Betätigungsfeld dieses Verstandes schildert. Ohne ihn, erklärt er in fest auftretenden männlichen Reimen, würde er sich frei fühlen und begeistert mit Naturkräften Zwiesprache halten – auch wenn diese nur in seiner Einbildung existierten. Doch dann würde er prompt in Sicherheitsverwahrung kommen. Man braucht Geistesklarheit, sagt das zu Lebzeiten seines Autors nicht veröffentlichte Gedicht, um die repressiven Selbstschutzkräfte der Gesellschaft in Schach zu halten.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der hitzig freiheitsliebende Puschkin wusste, dass er hochgefährdet war. Im Alter von zwanzig Jahren war er wegen Spottversen auf hohe Regierungsbeamte, die die gebildete Jugend auswendig kannte, fast nach Sibirien verbannt und schließlich „nur“ nach Südrussland strafversetzt worden. Mit 25 Jahren wurde er von Zar Alexander I. aus dem Staatsdienst gefeuert und auf seinem Familiengut bei Pskow festgesetzt, weil der Staatsmacht zu Ohren gekommen war, dass er die Existenz Gottes anzweifelte und das Ende der Tyrannei herbeisehnte. Wenige Jahre später rettete ihn nur die Begnadigung durch Zar Nikolai I. vor einer Verurteilung wegen seiner erotischen Travestie auf die unbefleckte Empfängnis, „Gawriliada“, deren Autorschaft er wohlweislich leugnete. Und er sah mit an, wie sein Freund Pjotr Tschaadajew, einer der glänzendsten Intellektuellen seiner Zeit und der Begründer der russischen Philosophie, seiner Schriften wegen für wahnsinnig erklärt wurde. Es war der erste Fall einer Diagnose geistiger Umnachtung aus politischen Gründen.

          Er imaginiert einen glücklichen Wahnsinn

          Im Unterschied zu dem Europa-Idealisierer Tschaadajew besaß Puschkin einen starken Sinn für Paradoxien. Er bewunderte, dass jener in seinem Brief das Fehlen einer öffentlichen Meinung in Russland beklagte, moralische Gleichgültigkeit und zynische Verachtung anprangerte. Doch Tschaadajews Befund, Russland habe zur Menschheitsgeschichte keinen Beitrag geleistet, ließ er nicht gelten. Er sei keineswegs begeistert von dem, was er um sich herum sehe – dennoch wolle er um nichts in der Welt das Vaterland wechseln oder eine andere Historie haben.

          Puschkin schrieb das titellose Gedicht im Herbst 1833, als der Gipfelpunkt seiner Beliebtheit überschritten war und er sich immer stärker der Prosa und historischen Sujets zuwandte. In jenem Herbst entstanden auch die Novelle „Pique Dame“ und die Verserzählung vom „Ehernen Reiter“. In beiden Texten verlieren die Helden den Verstand, einmal weil die vermeintlich todsichere Roulettekombination doch nicht aufgeht, das andere Mal weil die Petersburger Sturmflut das Häuschen der Angebeteten vernichtet. Auch ein Meisterwerk wie der „Eherne Reiter“ konnte zu Puschkins Lebzeiten die Zensur nicht passieren.

          Puschkin betrachtet die eigene Existenz aus der Distanz. Er imaginiert einen glücklichen Wahnsinn – im Unterschied zu dem seiner fiktiven Helden –, wobei er sich stark und mächtig vorkommt. In der diesen lobpreisenden dritten Strophe ist das erste Reimpaar im russischen Original, das die Worte für „Wellen“ und „voll“ verklammert, sehr ausdrucksstark, und Puschkin verwendet es wieder für die Anfangsverse des „Ehernen Reiters“, wo der in jeder Hinsicht überdimensionierte Peter der Große porträtiert wird. Doch der Anblick eines Schriftstellers, dessen romantischer Pegasus zur Unzeit mit ihm durchgegangen ist, löst bei anderen Schrecken aus. Und dieser tauscht, ironischerweise durch eigenes Mittun, die wilde Natur, für die er schwärmt, ein gegen die Hölle einer geschlossenen Anstalt. Freiheit bedarf des Verstandes als Schutzschild, der sie vermittelt und tarnt, mahnt mit herber Anmut dieses poetische Juwel, das zumal in schweren Zeiten vielen Menschen eine Stütze war.

          Gib Gott, dass mich nicht Wahnsinn packt.

          Nein, lieber alt und arm und nackt;

          Nein, lieber Müh und Leid.

          Nicht, weil ich, auf mein Denken stolz,

          Von ihm nicht lassen könnt; ich wollt‘s,

          Ich wär dazu bereit.

           

          Ließ man mich frei, ging alsobald

          Ich froh in einen finstern Wald

          Zu einem Schattenbaum.

          Ich sänge Fieberphantasien,

          Ich würde flammentrunken glühn

          In wirrem Wundertraum.

           

          Ich lauschte, wie die Woge schwillt,

          Mein Blick verlör sich glückerfüllt

          In Himmel leer und licht;

          Ich hätt mich stark und frei gefühlt

          Wie Sturm, der durch die Wälder wühlt

          Und Wälder niederbricht.

           

          Jedoch: wenn dich dein Geist verlässt,

          Wirst du, entsetzlich wie die Pest,

          Mit Ketten angepflockt.

          Man schließt den Riegel hinter dir

          Und reizt durch Gitter wie ein Tier.

          Den Irren, der da hockt.

           

          Und nachts hör ich nicht mehr den Schall

          Der glockenreinen Nachtigall,

          Nicht dumpfes Waldgeräusch –

          Ich höre nur die Irren schrein,

          Der Wärter Brüllen hinterdrein

          Und Ketten und Gekreisch.

          Aus dem Russischen von Michael Engelhard.

          ***

          Не дай мне бог сойти с ума.

          Нет, легче посох и сума;

          Нет, легче труд и глад.

          Не то, чтоб разумом моим

          Я дорожил; не то, чтоб с ним

          Расстаться был не рад:

           

          Когда б оставили меня

          На воле, как бы резво я

          Пустился в темный лес!

          Я пел бы в пламенном бреду,

          Я забывался бы в чаду

          Нестройных, чудных грез.

           

          И я б заслушивался волн,

          И я глядел бы, счастья полн,

          В пустые небеса;

          И силен, волен был бы я,

          Как вихорь, роющий поля,

          Ломающий леса.

           

          Да вот беда: сойди с ума,

          И страшен будешь как чума,

          Как раз тебя запрут,

          Посадят на цепь дурака

          И сквозь решетку как зверка

          Дразнить тебя придут.

           

          А ночью слышать буду я

          Не голос яркий соловья,

          Не шум глухой дубров —

          А крик товарищей моих,

          Да брань смотрителей ночных,

          Да визг, да звон оков.

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