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Frankfurter Anthologie : Albert von Schirnding: „Nachricht an meinen Engel“

  • -Aktualisiert am

Ein Alter Ego, ein nie untergehender Glücksstern, das verkörperte Urvertrauen, ein zuverlässiger Gesprächspartner? Was ein Gedicht heute noch mit Engeln anfangen kann.

          Engel geistern durch viele Gedichte. Ich mag sie nicht besonders, am wenigsten die von Rilkes Gnaden zu hochpoetischem Leben erweckten. Sie inspirieren Theologen zu feinsinnigen Deutungen, drängen in Dissertationen. Aber da ist auch Walter Benjamins Engel der Geschichte, angeregt durch den „Angelus Novus“ von Paul Klee, eine zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Tuschfederzeichnung. Er starrt, der Vergangenheit zugewendet, auf die Trümmer, die ihm die Geschichte vor die Füße schleudert. Ein Sturm („das, was wir den Fortschritt nennen“), treibt ihn in die Zukunft, der er den Rücken kehrt. Wer diese neunte der „Geschichtsphilosophischen Thesen“, wie sie abweisend prosaisch heißen, einmal gelesen hat, kann die aufgerissenen Augen, die vom Sturm geblähten Flügel des großartigen Sinn-Bilds nicht mehr vergessen.

          Der Engel in meinem Gedicht (Text im Kasten unten) ist sternenweit von ihm entfernt, wie er auch hoffentlich nicht aus den Rilkenschen Ordnungen kommt, um mich ans Herz zu nehmen. Er verkörpert kein „stärkeres Dasein“ – im Gegenteil. Das war vielleicht einmal; jetzt ist er alt und schwach geworden, älter und schwächer als ich selbst. Nur in diesem erbärmlichen Zustand hat er die Einreiseerlaubnis in die zwölf Zeilen erhalten, die seinen Abschied bedeuten. Denn die ihm zugestellte Nachricht ist die Mitteilung seiner Entlassung. Er stammt aus keinem Paradies, wir in keinen christlichen Himmel zurückkehren. Seine Vorfahren lebten in der heidnischen Antike. Der einen Menschen begleitende Genius war sein Schutzgeist. Eine Art Doppelgänger, die Personifikation dessen, was seine Substanz, sein unzerstörbares Wesen ausmacht. Als Kind hatte ich wie jedes andere meinen Schutzengel, er ging ebenso unsichtbar wie unablässig an meiner Seite. Seine Unsichtbarkeit bewahrte ihn vor der Verwechslung mit Raffaels Engeln, die über dem Bett hingen. Er blieb mir treu, als ich erwachsen wurde: ein Alter Ego, ein oft hinter Nebel und Wolken verschwindender, aber nie untergehender Glücksstern, das verkörperte Urvertrauen, mein zuverlässiger Gesprächspartner bei sogenannten Selbstgesprächen. Jeder verkehrt mit sich selbst, ist „Eins und doppelt“.

          Aber dieses zwillingshafte Zuzweitsein dauert nicht bis zum gemeinsamen Ende. Mein besseres Ich, das mir immer voraus war, ist auch früher als ich alt, müde, schwerhörig geworden. Eigentlich sind es die Boten („Engel“ kommt ja vom griechischen angelos, der Bote), die Nachrichten vermitteln. Dieses eine Mal wird mein Engel zum Empfänger einer Botschaft, die ihn betrifft. Ist da nicht noch ein Dritter? Ich bin außerstande, dem Gefährten das lebenslange Bündnis ins Gesicht hinein aufzukündigen. Ein in zwei einsilbigen Imperativen Angesprochener (ist es der Leser?) wird beauftragt, die heikle Mission zu übernehmen. Ich warte auf seine Meldung.

          Albert von Schirnding: Nachricht an meinen Engel

          Sag ihm

          weil ichs ihm selbst nicht beibringen will:

          Er kann jetzt gehn

          Zu lang schon hat er

          bei mir ausgeharrt

          mich unter seinen Fittich genommen

          mich vor Kälte und Zugluft beschützt

          Viel zu selten

          riß ihm die Geduld

          Jetzt ist er alt

          Sprich laut zu ihm

          Er hört dich sonst nicht

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