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Frankfurter Anthologie : Adelbert von Chamisso: „Das Schloss Boncourt“

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Bild: Picture-Alliance

Der Gedichttitel benennt den paradiesischen Kindheitsort Chamissos in der Champagne. Die Familie musste später vor der Revolution fliehen und kam nicht mehr zurück. Umso mehr überrascht die Versöhnlichkeit der letzten Strophen.

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          Er war wohl der erste Lyriker, der auf Deutsch über sein Außenseitertum dichtete, ohne dass dies seine Muttersprache gewesen wäre. Er hat diesem Außenseitertum eine Gestalt gegeben, die er Peter Schlemihl nannte – nach dem jiddischen Ausdruck für Pechvogel; also ein doppeltes Außenseiterschicksal. Mit dieser Erzählung ging er in den Literaturkanon ein. Schlemihls verlorener Schatten ist auf vielerlei Art gedeutet worden, darunter ist auch der Verlust der Heimat, wie in dem zerstörten Kindheitsort unseres Gedichts.

          Chamisso, der auch Louis and Adélaide hieß, woraus später Ludwig und Adelbert wurde, stammte aus einer adeligen, vielköpfigen Familie in der Champagne – das Schloss hatte wirklich den paradiesischen Namen Boncourt. Als Adelbert gerade elf Jahre alt war, musste die Familie vor der Revolution fliehen. Obwohl er sich in Deutschland nie ganz zu Hause fühlte, entschloss sich der Dichter, nicht nach Frankreich zurückkehren, als es unter Napoleon wieder möglich war. In Deutschland wurde er Schriftsteller, Botaniker, ein angesehener Naturforscher und Weltumsegler, wie auch in den letzten Versen unseres Gedichts erkennbar wird. Als Lyriker ist Chamisso heute nicht mehr sehr populär, doch manche seiner Verse sollten uns auch heute noch ansprechen.

          Das rührselig stilisierte „Ich“

          Im Gegensatz zu den üblichen emotionsgeladenen Nostalgiegedichten waltet in „Das Schloss Boncourt“ (Gedichttext im Kasten unten) die präzise Beobachtungsgabe des Naturwissenschaftlers. Das geträumte Kind stürmt fröhlich an den „traulichen“ Löwen im Wappenschild vorbei – alte Bekannte sind ihm das ja –, sucht das Fenster, hinter dem einmal sein Kinderzimmer lag, erkennt Sphinx und Feigenbaum und findet in der Kapelle ein altes Grab. Diese Genauigkeit der aufgezählten Einzelheiten erfährt einen Höhepunkt, als doch endlich die Trauer überhandnimmt, in den „umflorten“ Augen, das heißt den Tränen, die optisch präzise das Lesen der Inschrift auf dem Grabstein, bei heller Sonne durch bunte Scheiben gefiltert, erschweren.

          Entgegen diesen fast fotografischen Details stehen dann leider die eher verschwommenen metaphorischen Bilder vom greisen wandernden Sänger mit seinem Saitenspiel in der letzten Strophe. Der Autor war 1827, als das Gedicht erschien, gerade einmal 46 Jahre alt! Das rührselig stilisierte „lyrische Ich“ kommt dem autobiographischen so sehr in die Quere, dass es uns das Gedicht beinahe verdirbt. Beinahe, aber dann doch nicht.

          Die segnende Hand

          Denn das, was „Das Schloss Boncourt“ so sympathisch macht, ist die unerwartete Versöhnlichkeit der siebten und achten Strophe. Nachdem der Dichter das Schloss in Worten entstehen ließ, kommt als Schock der Satz: „Und bist von der Erde verschwunden,/Der Pflug geht über dich hin.“ Was wir bis jetzt gelesen haben, war also nicht nur eine Suche nach der verlorenen Zeit eines Einzelnen, sondern nach den gebauten Strukturen einer Gesellschaft, die es nicht mehr gibt, die nur im Gedächtnis „fest und treu“ geblieben sind. Und dann der zweite Schock: Der Vertriebene segnet die Erde, auf der das Elternhaus einmal stand, mit einem „zwiefachen“ Segen, der den einfachen Mann mit einschließt, der das Land nun pflügt und der eigentlich ein Widersacher sein könnte.

          Die segnende Hand ist eine ausgestreckte Hand, die zum Frieden nach Kriegen und Revolutionen einlädt und den Einzelnen – den Dichter wie den Bauern – in sein Einzelleben entlässt. Man hat Chamisso als den ersten Europäer bezeichnet, und unser Gedicht bestätigt diesen Ehrentitel.

          Adelbert von Chamisso: „Das Schloss Boncourt“

          Ich träum als Kind mich zurücke,

          Und schüttle mein greises Haupt;

          Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder,

          Die lang ich vergessen geglaubt?

           

          Hoch ragt aus schatt’gen Gehegen

          Ein schimmerndes Schloß hervor,

          Ich kenne die Türme, die Zinnen,

          Die steinerne Brücke, das Tor.

           

          Es schauen vom Wappenschilde

          Die Löwen so traulich mich an,

          Ich grüße die alten Bekannten,

          Und eile den Burghof hinan.

           

          Dort liegt die Sphinx am Brunnen,

          Dort grünt der Feigenbaum,

          Dort, hinter diesen Fenstern,

          Verträumt ich den ersten Traum.

           

          Ich tret in die Burgkapelle

          Und suche des Ahnherrn Grab,

          Dort ist’s, dort hängt vom Pfeiler

          Das alte Gewaffen herab.

           

          Noch lesen umflort die Augen

          Die Züge der Inschrift nicht,

          Wie hell durch die bunten Scheiben

          Das Licht darüber auch bricht.

           

          So stehst du, o Schloß meiner Väter,

          Mir treu und fest in dem Sinn,

          Und bist von der Erde verschwunden,

          Der Pflug geht über dich hin.

           

          Sei fruchtbar, o teurer Boden,

          Ich segne dich mild und gerührt,

          Und segn’ ihn zwiefach, wer immer

          Den Pflug nun über dich führt.

           

          Ich aber will auf mich raffen,

          Mein Saitenspiel in der Hand,

          Die Weiten der Erde durchschweifen,

          Und singen von Land zu Land.

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