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Frankfurter Anthologie : Adam Zagajewski: „Miłosz lesend“

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Bild: Picture Alliance

Oft lassen Dichter keinen guten Vers an den Werken des Kollegen. Bei den beiden großen polnischen Lyrikern Adam Zagajewski und Czesław Miłosz war das anders. Beide verband eine seltene Zustimmung zur Welt.

          2 Min.

          Wenn der große polnische Dichter Czesław Miłosz je einen Schüler hatte, sofern in der Literatur überhaupt von Schülerschaft gesprochen werden kann, dann war es Adam Zagajewski, der andere große polnische Dichter aus der nächsten Generation. Beide waren sie Emigranten, kehrten nach Jahrzehnten des Exils in ihr Heimatland zurück, waren Lehrer der Dichtung, in beiden lagen der Philosoph und der Dichter miteinander im Streit, und beide werden sie von der Königsstadt Krakau beherbergt, der eine als Toter, der andere als Lebender.

          Zagajewski hat sich wiederholt zu Miłosz geäußert, in Essays, Tagebüchern, Nachworten, Gesprächen. Er schätzte das Werk, seinen Reichtum, die Gattungsvielfalt, er bestaunte die Freiheit, mit der der Ältere die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze der modernen Lyrik sowohl respektierte als auch übertrat. Er schätzte auch den hinter dem Werk stehenden Menschen, seine Widerstandskraft, den moralischen Ernst, die Gelehrsamkeit, den Sinn für metaphysische Fragen, er sah, wie sehr ihm intellektueller Konformismus und geistige Feigheit fremd waren.

          Dankbarkeit und Treue

          Besonders beeindruckte Zagajewski, dass viele von Miłosz’ Gedichten ein vehementes Ringen des Autors mit sich selbst waren, Kämpfe eines suchenden, zweifelnden Mannes, der, bei allem Anschein des Gegenteils, nie ganz mit sich im Reinen war. In allen diesen Dingen und in noch viel mehr hat Zagajewski Miłosz verehrt, hat ihn als Gebenden und sich als Beschenkten gesehen, in ihm den Meister und in sich den Schüler.

          Das Gedicht „Miłosz lesend“ zeigt die Dankbarkeit, die Treue. Als wären die Verse geschrieben, um eine Liebe zu verstehen, die mehr umfasst als nur den anderen Menschen. Denn das Wichtigste, was Zagajewski aus Miłosz’ Gedichten herausliest, ist die Bewunderung, eine Zustimmung zur Welt, etwas, das den Snobisten unzugänglich ist. Fast könnte man vom Erlernen einer Theologia gloriae sprechen. Ein Dichter, der keinen Sinn für die Pracht und Herrlichkeit von Gottes Schöpfung hat, wird nie zum liebenden Sehen gelangen. Denn darum geht es in der Kunst, um Steigerung des Lebensgefühls, um Hingabe und Begeisterung, um Stolz, Schönheit und Erhebung. Das andere, den Schmerzensteil, die Beugung, die Theologia crucis, lehrt das Leben selbst. Und die Abneigungen auch. Dazu braucht es keine Meister.

          Umgang mit dem Unsichtbaren

          Und dann ist da noch ein Drittes im großen Anschauungsraum der Kunst: das Profane, das Alltägliche, „der normale Lärm der Stadt, jemand hustet, weint, jemand flucht“, ein besonders schwieriges Terrain der Poesie. Hier den richtigen Ton zu treffen und nicht im Trivialen zu enden ist nur dem vergönnt, dem die beiden anderen Reiche nicht verschlossen sind.

          Miłosz gehörte zu den wenigen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts, die in der Religion eine natürliche Verbündete der Dichtung sahen. Stoff und Sprache des Glaubens, wie er ihn verstand, sind notwendige Facetten eines reich gegliederten und tief gestaffelten Wirklichkeitsbegriffs, ein zweiter Raum der Anthropologie. Auch für Zagajewski gibt es diese fruchtbare Verbindung. Sie setzt ihn, der in allem so sehr das Sichtbare liebt – in der Natur, den Städten, ihren Straßen, den Bildern der Maler –, in den Stand, auch mit dem Unsichtbaren Umgang zu pflegen. Als Mensch, der viel Musik hört, fällt ihm das nicht schwer. Als Philosoph kennt er die Tücken der Gewissheit. Evidenz ist nicht das einzige Kriterium der Wahrheit. Und Wahrheit nicht das einzige Kriterium der Poesie.

          Was aber ist Poesie? Poesie sei Mystik für Anfänger, sagt er. Mystik schon, aber für Anfänger? Das ist die feine Ironie und Selbstironie des Autors, ein typisches Zagajewskisches Understatement. Und das ist nicht beim Hymniker Miłosz gelernt.

          Adam Zagajewski: „Miłosz lesend“ / „Czytając Miłosza“

          Wieder lese ich Ihre Gedichte,

          geschrieben von einem Reichen, der alles begriffen hat,

          und von einem Armen, dem das Haus genommen wurde,

          von einem Emigranten und Einsamen.

           

          Sie wollen immer mehr sagen,

          als man kann – über die Dichtung hinaus, nach oben, in die Höhe,

          aber auch nach unten, dorthin, wo unser Gebiet

          erst beginnt, demütig und schüchtern.

           

          Sie sprechen manchmal in einem Ton,

          dass der Leser – wahrhaftig –

          einen Augenblick glaubt,

          jeder Tag sei ein Fest

           

          und die Dichtung, wie soll man sagen,

          bewirke, dass das Leben abgerundet,

          erfüllt und stolz erscheint und sich

          der vollendeten Formel nicht schämen muss.

           

          Erst am Abend,

          wenn ich das Buch weglege,

          kehrt der normale Lärm der Stadt wieder –

          jemand hustet, weint, jemand flucht.

          Aus dem Polnischen übertragen von Renate Schmidgall.

           

          ***

           

          Znów czytam Pańskie wiersze

          spisane przez bogacza, który wszystko zrozumiał,

          i przez biedaka, któremu zabrano dom,

          przez emigranta i samotnika.


          Pan zawsze chce powiedzieć więcej

          niż można - ponad poezję, w góry, w stronę wysokości,

          ale i w dół, tam gdzie dopiero się zaczyna

          nasz region, pokornie i nieśmiało.


          Pan mówi niekiedy takim tonem

          że - naprawdę - czytelnik

          przez chwilę wierzy,

          że każdy dzień jest świętem


          i że poezja, jakby to wyrazić,

          sprawia, iż życie jest zaokrąglone,

          pełne, dumne, nie wstydzące się

          doskonałej formuly.


          Dopiero wieczorem,

          gdy odkładam książkę

          wraca zwyczajny zgiełk miasta -

          ktoś kaszle, płacze, ktoś złorzeczy.

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