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Frankfurter Anthologie : Charles Simic: „So“

Bild: dpa

Der Immigrant Charles Simic hat rasch begonnen in der Sprache seiner neuen, amerikanischen Heimat zu dichten. Seine Poesie zeichnet ein Bild des Alltags in der neuen Welt.

          Sein Thema, hat Charles Simic in einem seiner wie schwerelos über einem unsichtbaren Abgrund schwebenden Gedichte geschrieben, sei die Seele: „Schwierig über sie zu sprechen, / Denn sie ist unsichtbar, / Schweigsam und oft abwesend“. Simic bleibt ihr an den unwahrscheinlichsten Orten auf den Fersen, nicht in Stille, Kontemplation und Abgeschiedenheit, sondern im Alltag, wenn die Seele keine Zeit für Poesie hat, sondern in Eile ist, abgelenkt, beschäftigt, sich ihrer selbst weder bewusst noch gewiss. Und dabei könnte doch gerade dieser Tag der letzte sein.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Sechzehnjähriger ist Simic, der 1938 in Belgrad geboren wurde, in die Vereinigten Staaten gekommen und hat rasch begonnen, Gedichte in der Sprache seiner neuen Heimat zu schreiben. Längst zählt er zu den bedeutendsten Dichtern der englischsprachigen Welt. Seine Lyrik ist „vom amerikanischen Alltag durchtränkt“, wie sein erster deutscher Übersetzer Hans Magnus Enzensberger bemerkt hat, aber Simic beschreibt diesen Alltag so, wie Edward Hopper ihn vielleicht in seinen Gemälden hätte festhalten können, wenn er Lichtenberg gelesen hätte. Der Lyriker Jan Wagner hat einen ähnlichen Gedanken sehr viel einfacher ausgedrückt, als er sagte, Simics Humor sei mit Metaphysik vermischt: „Wie ein feines Lächeln in Richtung Himmel“.

          Stillleben in Katerstimmung

          „So“ ist ein Gedicht über einen ganz gewöhnlichen Tag, einen Tag voller Widersprüche, Zufälle, Launen. Dieser Tag ist ein langer Tag, wohl ein wenig anstrengender und kraftraubender als andere, ein Tag, an dem viel geschah und wenig erreicht wurde, an dem Hoffnungen zerstoben und sogleich wieder erneuert wurden, wenn auch nur halbherzig. Es ist vor allem das Wort „halbherzig“, mit dem Simic in der ersten der vier jeweils vierzeiligen Strophen die resignative Stimmung seines Gedichts festnagelt. Etwas ist zu Ende gegangen, Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Der Tag ist vorüber, nun steht die Nacht bevor. Wie soll man ihr mit halbem Herzen gewachsen sein?

          Es ist keine Nacht, in der gefeiert wird. Was vom Feuerwerk noch übrig ist, steht zum Ausverkauf, wird verramscht. Ein Stillleben in Katerstimmung. Das alltägliche Spiel vom Kommen und Gehen ist fürs erste vorüber, und ohnehin war es nur im Spiegel zu beobachten, aus der Distanz, als Abbild der Wirklichkeit. Die Launen des Zufalls erstrecken sich sogar auf die Zeit. Sie ist aus dem Tritt, schreitet nicht mehr zuverlässig im Gleichmaß voran, sondern zerrt mal stärker, mal schwächer an den Zeigern der Kirchturmuhr. Wiebke Meiers Übersetzung spricht hier in Abweichung von der „church clock“ des Originals von einer Glocke, aber Glocken haben keine Zeiger.

          Das Idyll, mit dem Glockenklänge nicht nur zum Jahresende gern verbunden werden, hat hier nichts zu suchen. Diese Nacht ist eine einsame Nacht in einem leeren Schlafzimmer, das nicht das eigene sein muss, eine Nacht der inneren Einkehr und der Introspektion. Die Gedanken kreisen. Worum sie kreisen, wird nicht gesagt. Das gehört zu den Geheimnissen des Gehirns, von denen die Rede ist. Was es heißt, wenn ein Gehirn „tiefer“ wird, muss offen bleiben. Vielleicht ist nur gemeint, dass ein grübelndes Ich wie in einem Strudel immer tiefer in sich selbst versinkt.

          Aber von irgendwoher muss Licht kommen. Sonst gäbe es keinen Schatten. Und wieder, wie zuvor im Spiegel, sieht der Betrachter das Abbild von etwas, nicht seinen Ursprung. Etwas ist zu Ende. Trauer, Enttäuschung, Resignation und Melancholie liegen in der Luft, werden nicht beim Namen genannt, aber im Bild der nie beachteten, nie begossenen Topfpflanze wird die Trostlosigkeit der Szenerie auf die Spitze getrieben. Dann, völlig unerwartet, im einsamen Spiel von Licht und Dunkelheit, bricht sich etwas anderes Bahn, etwas Kreatürliches, Existentielles: die wilde Freude, einfach nur da zu sein. Noch einmal, schon wieder, spielend am Abgrund vorübergeschwebt.

          Charles Simic: „So“/“Thus“

          Der lange Tag, an dem so viel
          Und so wenig geschah, ist zu Ende.
          Große Hoffnungen wurden zunichte,
          Dann halbherzig noch einmal erneuert.

          Spiegel belebten und entleerten sich,
          Den Launen des Zufalls gehorchend.
          Die Zeiger der Kirchenglocke rückten vor,
          Manchmal ruhig, manchmal heftig.

          Die Nacht brach an. Das Gehirn und seine Geheimnisse
          Wurden tiefer. Das rote Neonlicht
          FEUERWERK AUSVERKAUF erschien auf dem Dach
          Eines düsteren alten Hauses gegenüber.

          Eine fast blattlose Topfpflanze,
          Von niemandem je gegossen oder beachtet,
          Warf ihre Schatten auf die Schlafzimmerwand,
          Wie mir schien, mit einer wilden Freude.

          Aus dem Amerikanischen von Wiebke Meier

          ***

          The long day has ended in which so much
          And so little had happened.
          Greet hopes were dashed,
          Then halfheartedly restored once again.

          Mirrors  became animated and emptied,
          Obeying the whims of chance.
          The hands of the church clock moved,
          At times gently, at times violently.

          Night fell. The brain and its mysteries
          Deepened. The red neon sign
          FIREWORK FOR SALE came on a roof
          Of a grim old building across the street.

          A nearly leafless potted plant
          No one ever waters or pays attention to
          Cast its shadow on the bedroom wall
          With what looked to me like wild joy.

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