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Frankfurter Anthologie : Cemal Süreya: „Die vier Jahreszeiten“

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Bild: Getty Images

Der lyrische Pulsschlag der Demokratie: Einst gehörte Cemal Süreya zur lyrischen Avantgarde der Türkei. Jetzt werden seine Verse wiederentdeckt.

          3 Min.

          In einem Volksliedton – vier Strophen zu je vier Zeilen – werden Liebende angesprochen, ja aufgerufen. Ihre Liebe gehört der Vergangenheit an, sie haben sie geleistet. Nun sollen sie zur Ruhe gelegt werden. Der Refrain weiß es. Die ersten und die letzten Zeilen der Strophen sind identisch, allein die Angabe der Jahreszeit wechselt. Wir kennen Lieder, die den jahreszeit­­lichen Wandel auf den Feldern beschreiben. Sie sprechen vom Pflügen, Säen, Ernten. Hier ist von den Jahreszeiten der Liebe die Rede. Und die Felder sind Gräber.

          Auch das jeweils mittlere Zeilenpaar jeder Strophe ist gleich gefügt. Es benennt, wie die Liebenden sich trafen und in welcher Art sie sich liebten. Im Frühling wie Blätter, wie Düfte. Leicht also, sich streifend, schweifend mischend. Dann sommerlich, heftiger, in den Erschütterungen eines „ersten Mals“ oder in der Hingabe des sicheren Abschieds. Der Herbst vereint Trauben und Schierling. Gereifte Fülle und Ernte, Erfüllung und Tod. Für den Winter, wie für den Sommer, kennt das Gedicht kein Naturbild. Nun erscheinen soziale Strukturen. Begegnung ist nicht mehr erstes oder letztes Mal, sondern Kreuzung, passageres Aufeinandertreffen, bewegtes Feld der Verbindungen, melancholisch, elementar.

          Aber warum soll man Liebende in Gräber legen? Weil im Tod die einzige ewige Vereinigung liegen mag? Aber warum dann in Gräber, die jahreszeitlich geprägt sind? Das alte Wort vom Todesacker er­innert an die Erde. In der Erde ruht der Samen, der neue Früchte bringen wird. Die Gräber der vier Jahreszeiten umschließen Momente der besonderen, der immer wieder verschiedenen Intimität und bewahren sie. In den Gräbern sind sie aufgehoben. Man kann ihrer gedenken. Damit aber sind die vier Jahreszeiten-Strophen selbst vier Gräber, die kostbarste Lebenserfahrungen bergen. Und Cemal Süreyas volksliedhaftes Gedicht „Dört Mevsim“ – Fazil Say hat es vertont, Serenad Bağcan es gesungen – wird zum Boden für das alte Saatgut der Liebe.

          Das alte Saatgut der Liebe

          Cemal Süreya, geboren in Pülümür, einem ostanatolischen Gebirgsdorf, verlor mit sechs Jahren seine Mutter, sie gehörte zur Bevölkerungsgruppe der Zaza. „Ich erinnere mich nicht an ihr Gesicht, aber an ihre Gesten.“ Sein Vater war ein kurdischer Alevit. Nach dem Dersim-Aufstand, dem letzten großen Aufstand der Kurden (1937/38) gegen den türkischen Staat, bei dem es 13 000 Tote gegeben haben soll, wurde die Restfamilie in ein Nest bei Bursa verbannt. Man schmuggelte den Jungen zu Verwandten nach Istanbul. Seine Mutter hatte ihm Märchen vorgelesen, anatolische Liebesgeschichten. Er ist zwölf, als er in der Schulbibliothek „Schuld und Sühne“ entdeckt, „Die Brüder Karamasow“. Er verschlingt die Bücher. Dies sei seine „zweite Geburt“ gewesen. Politikwissenschaften und Ökonomie in Ankara; später Steuerinspektor in Istanbul. Eine Weile ist er Direktor der Istanbuler Münze. Da ein Gedicht kein Geld einbringe, sagte er, sei es wichtig für einen Lyriker, sich eine zweite Beschäftigung zu suchen. Und die sollte möglichst weit von der Lyrik entfernt sein. Das Sich-Lösen vom Brotberuf sei dann „so einfach wie einatmen“.

          Als 1958 sein Debüt „Üvercinka“ erscheint, ist der Gedichtband eine literarische Sensation. Schnell wird das Buch zum Symbol der lyrischen Avantgarde „Zweite Neue“, die sich von „Garip“, einer Bewegung um Orhan Veli, und auch von Nazim Hikmet, dem Großmeister der neuen türkischen Lyrik, absetzt. Im Unterschied zu diesen Vorgängern sind die Dichter der „Zweiten Neuen“ nicht explizit politisch. Aber sie sind radikal privat und sprachspielerisch. Sie brechen Wörter auf, setzen sie neu zusammen. So ist etwa „Üvercinka“ ein Neologismus aus dem Wort Taube (güvercin) und Flügel (kanat). Diese Avantgarde-Poeten brechen alle Tabus. Sie schreiben über Liebe und Sex, Alkohol und Melancholie, Suizid.

          „Erotisch ist meine Dichtung. Ich denke, das ist die auffallendste Eigenschaft meiner Poesie.“ Cemal Süreya dürfte der erste türkische Lyriker gewesen sein, der ein Gedicht über den Koitus verfasste. „Glorie“ beginnt so: „Ein roter Vogel ist mein Atem“. Nun nimmt das Ich ein Du auf den Schoß, dessen Beine werden länger und sein Atem wird zum „roten Pferd“, bis die Verse enden: „Arm sind wir, unsere Nächte kurz / Galoppierend müssen wir uns lieben“.

          In restriktiven Systemen wird das Private zunehmend politisch. Und so wundert es nicht, dass seit der Gezi-Park-Bewegung Jugendliche in Istanbul und Ankara Süreyas Verse, wie die der anderen Dichter der „Zweiten Neuen“, an öffentliche Wände, Mauern, Brücken sprühen. Sie fotografieren sie und stellen sie ins Netz, bevor sie übermalt werden können. Süreyas Liebende werden zu Bürgen einer persönlichen Freiheit. Seine Verse sind ein lyrischer Pulsschlag der Demokratie.

          Cemal Süreya: „Die vier Jahreszeiten“

          Ins Grab des Frühlings soll man euch legen
          Wie Blätter seid ihr euch begegnet
          Wie Düfte habt ihr euch geliebt
          Ins Grab des Frühlings soll man euch legen

          Ins Grab des Sommers soll man euch legen
          Wie zum ersten Mal seid ihr euch begegnet
          Wie zum letzten Mal habt ihr euch geliebt
          Ins Grab des Sommers soll man euch legen

          Ins Grab des Herbstes soll man euch legen
          Wie Trauben seid ihr euch begegnet
          Wie Schierling habt ihr euch geliebt
          Ins Grab des Herbstes soll man euch legen

          Ins Grab des Winters soll man euch legen
          Wie Straßen seid ihr euch begegnet
          Wie Märkte habt ihr euch geliebt
          Ins Grab des Winters soll man euch legen.

          Aus dem Türkischen von Nursel Gülenaz und Angelika Overath.

          DÖRT MEVSİM                                                     

          Bahar mezarına gömsünler sizi
          Yapraklar gibi buluştunuzdu
          Kokular gibi seviştinizdi
          Bahar mezarına gömsünler sizi

          Yaz mezarına gömsünler sizi
          İlk kezmiş gibi buluştunuzdu
          Son kezmiş gibi seviştinizdi
          Yaz mezarına gömsünler sizi

          Güz mezarına gömsünler sizi
          Salkımlar gibi buluştunuzdu
          Ağular gibi seviştinizdi
          Güz mezarına gömsünler sizi

          Kış mezarına gömsünler sizi
          Sokaklar gibi buluştunuzdu
          Çarşılar gibi seviştinizdi
          Kış mezarına gömsünler sizi.

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