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Frankfurter Anthologie : Walt Whitman: „Als ich am abend hörte“

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Bild: ullstein bild

Musikalische Sprachkunst, die so einfach und so klar ist, dass man leicht übersehen könnte, worum es hier im Grunde geht: um Alles und aufs Ganze.

          2 Min.

          Zwölf Gedichte waren es, die der junge Walt Whitman 1859 in seinem Notizbuch zusammenstellte. Durchnummeriert von I bis XII, ergeben sie eine Liebesnovelle in freien Versen. Von Sehnsucht und Begegnung erzählt sie, von Verlust, Einsamkeit und wiedergefundenem Glück. Eine auf den ersten Blick sonderbare Überschrift verbindet diesen Zyklus mit einem Naturbild, wie es amerikanischer nicht sein könnte: „Live Oak, with Moss“. Die immergrüne Lebenseiche mit ihren harten, schimmernden Blättern gehört ebenso zu den Landschaften des amerikanischen Südens wie das auf ihr wachsende „Spanish Moss“, dessen lang herab-hängendes Haar im Wind weht. Für Whitman werden beide zum Sinnbild für das Ineinander von Einsamkeit und Gemeinsamkeit.

          Ein botanisches Bild hatte er schon als Titel des Gedichtbuchs gewählt, dessen erste Ausgabe vier Jahre zuvor erschienen war und an dem er lebenslang weiterschrieb, in von Auflage zu Auflage wachsenden Ringen: „Leaves of Grass“. Die Grashalme, die Whitman in der Prärie frei wachsen und in einem unermesslichen Ganzen aufgehen sah, sind seine Chiffre einer Demokratie der Freien und Gleichen – und einer Poesie, die sie zur Sprache bringen und feiern sollte, in den Worten eines Einzelnen, der im Namen aller sprach.

          Den Live-Oak-Zyklus hat Whitman selbst nie veröffentlicht. Erst 1953 entdeckte der amerikanische Philologe Fredson Bowers ihn wieder. Zwar hatte Whitman alle zwölf Gedichte ein Jahr nach der Entstehung in die „Leaves of Grass“ aufgenommen, jedoch überarbeitet und derart zwischen andere Gedichte verstreut, dass der Zusammenhang nicht mehr erkennbar war; zwei ließ er in den folgenden Ausgaben wieder weg. Zu groß war die Sorge, dass er mit seinen homoerotischen Andeutungen zu weit gegangen sein könnte.

          Lachend mit den Wassern

          Die erste Ausgabe der „Leaves“ war in Washington rühmend besprochen worden; darauf dürften hier die ersten Worte anspielen. Als prophetischer „Sänger der Staaten“ sah Whitman sich in der Hauptstadt gefeiert, eine Erfüllung seiner Wünsche. Und doch wird die Freude über den beginnenden Ruhm sogleich wieder verworfen, so wie die Freude über alle gelingenden Pläne überhaupt: Als sei dies alles am Ende doch nur ein schaler Ersatz jenes Da-seinsglücks, das die folgenden Verse mit ansteckendem Enthusiasmus schildern. Die Mondnacht und das Morgenlicht, die Luft, das Wasser, die Erde, die elek­trisierende Energie des eigenen Leibes, den Whitman in einem berühmteren Gedicht als „the body electric“ preist: Die Elementarkräfte des Lebendigen sind es, die das Ich dieser Verse um sich und in sich selbst spürt, „lachend mit den Wassern“.

          Der Schlüssel, der ihm den Zugang zu diesem Welt-Wunder öffnet, ist die Nähe des Geliebten; Meer und Sand „beglückwünschen“ ihn zu diesem Glück. Suchte man für das Erlebnis, um das Whitmans Verse kreisen, eine Entsprechung in der deutschen Poesie, man fände sie am ehesten in der Dichtung des jungen Goethe. Herrlich leuchtet auch Whitmans liebendem Wanderer die Natur, selig hört auch er im Mondschein das Wasser flüstern, während und weil er „einen Freund am Busen hält“. Und wie Goethes Ganymed, so sieht auch er sich von allen Seiten umgeben von einer Landschaft, mit der er in der Umarmung vereint ist wie Zeus mit dem geliebten Hirten. Tatsächlich gehörte Goethe zu den Anregern von Whitmans Poesie, auch wenn er das später in poetischem Patriotismus in Abrede stellte („Our road is our own“). Zuerst vermittelt durch die verbreitete Goethe-Begeisterung im Amerika der Jahrhundertmitte, dann durch seinen intellektuellen Mentor Ralph Waldo Emerson, hat Whitman die Dichtung Goethes kennengelernt – oder in ihm wiedererkannt, was sein eigenes Erleben bestimmte. In weit ausgreifenden, freien Langversen, in einer um grammatische Regeln unbekümmerten Groß- und Kleinschreibung, im Wechsel von Pathos und Parlando entfaltet sich sein poetisches Maifest.

          Wie so viele Gedichte Whitmans ist auch dieses so einfach und klar, dass man seine musikalische Sprachkunst leicht übersieht. Und seinen lebensphilosophischen Elan. Um nichts Geringeres geht es schließlich als um die Frage, wann er „wirklich glücklich“ gewesen sei, „really happy“. In der veröffentlichten Fassung hat Whitman diese Formulierung wieder abgeschwächt. Dabei geht es hier ja wirklich um alles und aufs Ganze: um Leib und Seele, Liebe und Natur, um das täuschende und das wirkliche Glück.

          Walt Whitman: „Als ich am abend hörte“

          Als ich am abend hörte wie ich im Capitol gerühmt worden war,
          war die nacht doch nicht glücklich, die dann folgte;
          Auch nicht als ich zechte –  Auch nicht als meine schönsten pläne
          wahr wurden –  war ich wirklich glücklich,
          An jenem tag aber stand ich im morgendämmern auf, vollkommen
          gesund, elektrisiert, sog süßen atem ein,
          Als ich den vollmond im westen erbleichen und im morgenlicht  verschwinden sah,
          Als ich allein am strand entlangging, die kleider ablegte und badete,
          lachend mit den wassern, und sah wie die sonne aufging,
          Und als ich dachte, wie mein freund, mein geliebter, kommen  würde, da Oh! war ich glücklich;
          Jeder atemzug schmeckte süßer –  und den ganzen tag lang nährten
          meine speisen mich kräftiger –  Und gut verstrich der schöne tag,
          Und der nächste tag kam mit gleicher freude  –  Und mit dem
          nächsten, am abend, kam mein freund,
          Und in jener nacht, als alles still war, hörte ich die wasser langsam und gleichmäßig auf die gestade rollen –
          Hörte das zischelnde rauschen von wasser und sand, als sei es an
          mich gerichtet, flüsternd, mich zu beglückwünschen, –
          Denn der freund den ich liebe lag schlafend an meiner seite –
          In der stille war sein gesicht mir zugeneigt, während die hellen
          strahlen des mondes schienen, und sein arm lag leicht auf meiner brust –  Und in jener nacht war ich glücklich.

          Aus dem Amerikanischen von Heinrich Detering

          When I heard at the close of the day

          When I heard at the close of the day how my name had been received with  plaudits in the capitol, still it was not a happy night for me that followed,
          And else when I caroused, or when my plans were accomplished, still I was not happy;
          But the day when I rose at dawn from the bed of perfect health, refreshed, singing, inhaling the ripe breath of autumn,
          When I saw the full moon in the west grow pale and disappear in the morning    light,
          When I wandered alone over the beach, and undressing, bathed, laughing with the cool waters, and    saw the sun rise,
          And when I thought how my dear friend, my lover, was on his way coming, O then I was happy,
          O then each breath tasted sweeter, and all that day my food nourish’d me more, and the beautiful day passed well,
          And the next came with equal joy, and with the next at evening came my friend,
          And that night while all was still I heard the waters roll slowly continually up the shores,
          I heard the hissing rustle of the liquid and sands as directed to me whispering to congratulate me,
          For the one I love most lay sleeping by me under the same cover in the cool night,
          In the stillness in the autumn moonbeams his face was inclined toward me,
          And his arm lay lightly around my breast – and that night I was happy.

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