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Frankfurter Anthologie : Paul Celan: „Ohne Titel“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

1962 schrieb Paul Celan in Frankreich ein Gedicht, das seine Erinnerung an die Toten der Schoa zum Ausdruck brachte. Dabei werden mehrere seiner lyrischen Konzeptionen gebündelt.

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          „Sie, die Sprache, blieb unverloren, ja, trotz allem“, heißt es in Paul Celans Bremer Dankesrede aus dem Jahr 1958. Er bringt damit wohl in besonders gültiger Weise das Dilemma zum Ausdruck, an dem sich seine Gedichte immer wieder in Paradoxien und Spannungen abarbeiten mussten: in deutscher Sprache Gedichte zu schreiben, die zugleich Zeugnis ablegen von jenem „Datum“ der Geschichte, der Vernichtung der Juden, der auch Celans eigene Familie zum Opfer gefallen war.

          Das im Frühsommer 1962 in Celans Wahlheimat Frankreich entstandene Gedicht eröffnet den vierten und letzten Teil des Gedichtbandes „Die Niemandsrose“, in dem es als eines der wenigen auffällt, das auf identische Strophenformen und (Halb-)Reime zurückgreift. Eine ursprüngliche Fassung trug die Überschrift „Reim und Aberreim“.

          Den Toten zum Gedächtnis für die Lebenden

          Antwortet es auf die den Titel bildende Frage, die man als eine nach dem geschichtlichen Vorgang verstehen kann, mit einem Bild – „Der Stein trat aus dem Berge“ –, das auf die Sprache selbst hindeutet? Von den Experten der Celan-Forschung, etwa im Kommentar von Otto Lorenz, kann man lernen, dass bei Ossip Mandelstam, dem rus­sischen Lyriker, dessen Andenken der Gedichtband gewidmet ist, die Verbindung von Wort und Stein erprobt wird – „der Stein, nachdem er sich vom Berg gelöst hatte, ist das Wort“, heißt es in seinem Essay „Der Morgen des Akmeismus“. Das im zweiten Vers angesprochene Erwachen von „Du und ich“ gemahnt an die von Celan vehement eingeforderte Dialogizität seiner Gedichte, die, entgegen einer vermeintlichen Hermetik, alle „im Geheimnis der Begegnung“ stehen.

          „Das Gedicht will zu einem Andern, es braucht dieses Andere, es braucht ein Gegenüber“, so der Dichter in der berühmten „Meridian“-Rede. Als der in der Wortwiederholung intensivierte Ort der Begegnung erscheint die Sprache, die als eine andere, zweite Welt, als „Neben-Erde“ und zugleich als „Mit-Stern“ berufen wird. Aber es ist eine Sprache, die, so die Bremer Rede, hindurchgehen musste „durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede“. Die der Sprache zugedachten Ein-Wort-Sätze verweisen dann auf die Gleichzeitigkeit von Verlust und Bergung dessen, was in aller Ärmlichkeit und Offenheit als Region des Menschlichen gelten kann. Sie muss, im Sinne des „Meridian“, dabei auch der „Majestät des Absurden“ Ausdruck verleihen. Und in der früheren Fassung stand anstelle von „Heimatlich“ das Wort „Königlich“.

          Mit einer dritten, einer Richtungsfrage, beginnt die zweite Strophe, die mit dem substantivierten „Unverklungen“, analog dem Unverlorenen der Sprache, Celans früheren Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ aufruft: Das dem Mohn korrespondierende Vergessen und Verklingen findet eine Antwort im „Un“verklungen, dem im Klang, im Gedächtnis Bewahrten dessen, „was geschah“. Das Gedicht als Ort des Totengedächtnisses, als Spur dialogischer Erinnerung im Wort – „Mit dem Stein gings, mit uns zwein“. So kann das nun zwischen die Wortwiederholung an dieser Stelle eingespeiste „und“: „Herz und Herz“ statt „Sprache, Sprache“, als Ausdruck einer vagen und dennoch unwiderruflichen Gemeinsamkeit zwischen Lebenden und Toten gelten. Vielleicht wäre hier an Celans Einspruch zu erinnern, der in dem Band der gesammelten Briefe bekannt gemacht wurde: Die Gedichte seien nicht „für die Toten geschrieben“, sondern „für die Lebenden, allerdings für diejenigen, die der Toten eingedenk bleiben (wollen)“.

          Diese Gemeinsamkeit kann indes wohl nur in einer Paradoxie abgebildet werden. Während König Belsazar im alttestamentlichen Buch Daniel angesichts des an der Wand erscheinenden Schriftzugs „Menetekel“ für zu leicht befunden wird, dreht das Gedicht den Vorgang der Wägung um. Dabei hat Celan diese Anspielung in mehreren Gedichten beschäftigt, hier aber ist es, so könnte man vermuten, in einer besonders verdichteten Weise lyrisch geformt. Wenn Belsazar für „zu leicht“ befunden wurde, spricht das Gedicht nach dem „zu schwer befunden“ von der Gegenbewegung, noch dies Schwere zu steigern: „Schwerer werden“.

          Was in einem Nachlassgedicht („Und schwer“) von 1960 als ein „Und schwer, du Lichte, und schwer. // Und schwer wie das Hier- / und Hinaus-ins-zweite- / Dunkel-Gewogen- / werden“ formuliert wird, gewinnt im vorliegenden Text einen Gegen-Sinn, der als eine Art „Meridian“ mehrere Konzeptionen Celans bündelt. Zum einen steht er für die Wahrheit des Paradoxen ein, denn die einfache Wahrheit wäre dem Kitschverdacht ausgesetzt. Zum anderen trägt er der schon zitierten „Majestät des Absurden“ Rechnung. Und zuletzt ist er mit der celanschen Gedankenfigur der „Atemwende“ verbunden: „Dichtung: das kann eine Atemwende bedeuten“. Mit diesem Stichwort hat Celan dann den folgenden Gedichtband als weitere Flaschenpost überschrieben.

          Paul Celan: „Ohne Titel“

          WAS GESCHAH? Der Stein trat aus dem Berge.
          Wer erwachte? Du und ich.
          Sprache, Sprache. Mit-Stern. Neben-Erde.
          Ärmer. Offen. Heimatlich.

          Wohin gings? Gen Unverklungen.
          Mit dem Stein gings, mit uns zwein.
          Herz und Herz. Zu schwer befunden.
          Schwerer werden. Leichter sein.

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