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Frankfurter Anthologie : Christian Geißler: „zutraulich“

  • -Aktualisiert am

Bild: Brigitte Friedrich

Letztes Zwiegespräch auf der Schwelle zum Jenseits: Dieses Gedicht führt an die Grenzen der Kommunikation, wo Sprachlosigkeit und wortloses Verstehen kaum von einander zu unterscheiden sind.

          3 Min.

          Auch wenn man Altersheime neuerdings gerne euphemistisch als „Seniorenresidenzen“ betitelt, stehen sie doch, wie nicht zuletzt die Pandemie immer wieder ge­zeigt hat, eher am Rande unserer Gesellschaft als in deren Mitte. Vielleicht ist gerade dies der Grund, warum der Hamburger Schriftsteller Christian Geißler (1928 bis 2008) ihnen in seinem Band „spiel auf ungeheuer“ einen ganzen ­Ge­dichtzyklus gewidmet hat. In dem Ge­dicht „zutraulich“, das diesem Zyklus mit dem klingenden Titel „lieder aus dem altersheim II“ entnommen ist, teilt sich jemand vom Kranken- oder Sterbebett eines nahestehenden Menschen mit. Beim Lesen steigt einem der für Alten­heime typische, muffig-scharfe Geruch nach Alter, schlechtem Essen, Urin und Des­infektionsmitteln in die Nase, der vor rund vierzig Jahren nicht anders gewesen sein dürfte als heute.

          Der Begriff der Heterotopien kommt ­ei­nem da unweigerlich in den Sinn, womit Foucault, neben den Altersheimen, auch „andere Orte“ wie Friedhöfe, Spitäler oder Gefängnisse bezeichnet hat, die er nicht ohne Grund unter die Orte „außerhalb aller Orte“ zählte. Durch Besuche bei seiner Mutter, die ihre letzten Jahre in einem Altersheim in Ostfriesland verbrachte, kam Christian Geißler zu Beginn der Achtzigerjahre erstmals regelmäßig mit ei­nem solchen Ort in Be­rührung. Man kann nur mutmaßen, dass es diese persönliche Erfahrung war, die ihn dazu bewegte, das Altersheim in seinem 1983 erschienenen Gedichtband zum Thema seiner lyrischen Betrachtungen zu machen. Den Schauplatz selbst jedoch beschreibt er darin mit keinem Wort, sondern stellt die Menschen in den Vordergrund, die sich an ihm be­finden.

          Thema des Gedichts ist die Sprache zweier Menschen, deren „flüsternamen“ als wesentliches Bindeglied ihrer Beziehung fungieren. Sprache kann bisweilen etwas sehr Intimes sein. Im Gedicht offenbaren sich in ihr Zärtlichkeit und Brutalität gleichermaßen, indem sie eine inter­subjektive Kluft aufzeigen. Die Divergenz zwi­­schen der Sehnsucht des Sprechers nach Geborgenheit und dem Vermögen seines Gegenübers, diese Sehnsucht zu stillen, ist deutlich spürbar. Das titelgebende Wort „zutraulich“ ist dabei wegweisend. Das Ich am Bettrand ist der anderen Person – vermutlich der Mutter – zugeneigt, es hat Zutrauen zu ihr. Dass ein solches Zu­trauen auch ins Leere laufen kann, zeigt das Gedicht in aller Deutlichkeit.

          Der andere Ort

          Sinn und Form des Gedichts stehen in perfektem Einklang: Das Schriftbild, das wie eine zerrissene Atemfahne übers Blatt weht, bildet den „jagenden Atem“ des Ge­genübers ab. Es ist ein Atem, der Wörter „niedermacht“. Ist ein wütender Atem ge­meint? Oder sollten wir eher an jene letzten galoppierenden Atemzüge denken, die den nahenden Tod ankündigen, sodass alle Wörter sinnlos werden? Viele Fragen bleiben hier offen. Je nachdem, wie man die fragmentierten Zeilen miteinander ver­bindet, ergeben sich neue semantische Ein­heiten. Wessen „wörter“ werden hier ge­sprochen, möchten wir wissen, jene des Kindes oder des Dichters? Und sind es alle Wörter gleichermaßen oder nur solche „zum trösten“? Welche auch immer ge­meint sein mögen – sie laufen ins Leere. Sie fliegen um das Gegenüber „her / ins bersten“, zerplatzenden Seifenblasen oder zersplitternden Granaten gleich.

          In sprachphilosophischer Hinsicht macht Geißlers Text die Schwierigkeiten von Kommunikation deutlich, die sich vor allem da zeigen, wo Sender und Empfänger nicht auf derselben emotionalen Frequenz funken. Hier wendet sich jemand voller Vertrauen und mit der Absicht, Trost zu spenden, an sein Gegenüber und wird, wenn nicht gar bewusst abgewehrt, so doch auf jeden Fall nicht gehört. Trotz dieses bedrückenden Ungleichgewichts entsteht dennoch ein sehr wichtiger Moment des Verstehens und der Innigkeit zwischen den Subjekten, nämlich dann, als beide sich offenbaren und ihre „flüsternamen“ sagen. Laut Platons „Kritias“ ist ein guter Name nicht nur durch Konvention geprägt, sondern sagt im besten Falle auch etwas Wahres über das Wesen dessen aus, der ihn trägt. Wer hier wessen Namen sagt, ob den eigenen oder den des anderen, und ob es sich um einen Vor-, Ruf-, Kose- oder sonstigen Namen handelt, bleibt wie so vieles in diesem Gedicht unklar. Dennoch scheint endlich ein erfüllender und liebevoller Austausch stattgefunden zu haben.

          Entscheidend ist nicht der genaue Inhalt des Gesprächs, entscheidend sind vielmehr die sprachlichen Gesten von Zu­neigung und Abgrenzung, die sich im Text die Waage halten. „Ein Gestus bezeichnet die Beziehungen von Menschen zueinander“, wie Brecht meinte, und Geißler versteht es meisterhaft, die Macht dieser Gesten, die sich bei ihm ganz und gar durch Sprache sowie unseren Umgang mit dieser äußern, lyrisch herauszukristallisieren.

          In der letzten Zeile des Gedichts werden dann benannte „namen“ unter die „last deiner geflügelten angst“ gelegt. Durch dieses Bild kommt die Grund­ambivalenz des Gedichts noch einmal deutlich zum Ausdruck: Wie kann etwas Geflügeltes ei­ne Last sein, also Schwere besitzen? Das Gedicht endet so mit einer Vorstellung, die letztlich ebenso zwie­spältig ist wie der Tod. Denn auch dieser ist sowohl leicht als auch schwer, ist er doch oftmals sowohl Entlastung und Befreiung als auch schwerwiegender Verlust und Schmerz in einem. Geißler hat so in wenigen und einfachen Worten einen psychologisch komplexen und durch Härte ebenso wie durch Zärtlichkeit be­rührenden letzten Dialog er­schaffen. Einen, der eigentlich – den Verlust des Anderen in einer Art Retro­spektive antizipierend – bereits ein Monolog ist.

          Christian Geißler: „zutraulich“

          als dein jagender atem
          niedergemacht hatte klein
          all meine wörter

          zum trösten

          sind um
          dich her
          ins bersten

          geflogen

          flüsternamen
          aus deiner liebe
          viele

          jeder

          hat seinen gesagt
          leise
          als wind

          unter die last deiner geflügelten angst

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