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Frankfurter Anthologie : Christa Reinig: „Briefschreibenmüssen“

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Bild: dpa

Wer kennt heute noch Briefgrüße oder Ahornnasen? Doch auch der Nichteingehweihte wird diese beiden Verse einer fast schon vergessenen Autorin mit Wehmut lesen.

          2 Min.

          Ein Gedicht? Nun ja. Man wagt sie kaum so zu nennen, diese beiden Verse, die davon berichten, dass es eigentlich nichts zu berichten gibt, sich dabei auf eine Form, den Brief, beziehen, die ebenfalls am Verschwinden ist, wie diese Ahornnasen, die man heute erst erklären sollte. Es sind die aufgebrochenen Blütenblätter der Ahornbäume, deren gebogene Flügel, in der Form eines Bumerangs, sich wie zwei kleine Propeller auf dem Nasenrücken ankleben lassen. Mir sind diese Zeilen über die Jahrzehnte hinweg in Erinnerung geblieben, allerdings als „Urlaubsgrüße“. Denn sie beschreiben exakt meine Kindheitserfahrungen in der damals noch so genannten Sommerfrische, vierzehn Tage mit der Oma, vierzehn Tage mit den Eltern. Waldwanderungen, kaum andere Kinder. Nur Nieselregen. Vier Wochen nichts los. Tatsächlich aber heißt das Gedicht „Briefschreibenmüssen“. Ich musste zwar nur Postkarten schreiben, den Text Christa Reinigs hätte ich trotzdem übernehmen können.

          Erstmals las ich die Verse in dem schmalen Bändchen „gedichte“, das 1963 bei S. Fischer erschienen war, gerade mal 53 Seiten umfassend. In dem Buch steckt seitdem ein Zeitungsausschnitt aus der F.A.Z. vom 24. Dezember 1963: „,Geheimtip‘ Christa Reinig. Die Ost-Berlinerin bekam den Bremer Literaturpreis“. Verfasser des Artikels: Horst Bienek. Nach der Preisverleihung, zu der sie eine Ausreisegenehmigung erhielt (für vier Tage), blieb sie im Westen. Bienek, der 1990 verstorbene Schriftstellerkollege, trommelte auch in den folgenden Jahren kräftig für diese Dichterin. Doch sie blieb ein Geheimtipp und war bei ihrem Tod, 2008, bereits wieder vergessen.

          Amalgam aus Trotz und Anarchismus

          Im Jahr 1926 in Berlin geboren, wuchs sie in ärmlichen Verhältnissen in einem Arbeiterviertel auf. Dieser Herkunft verdankt sie schnoddrigen Tonfall, wie er zum Beispiel auch Katja Lange-Müller auszeichnet. Christa Reinig begann eine Lehre als Blumenbinderin, studierte dann Kunstgeschichte und Archäologie und war schließlich im Märkischen Museum als Kustodin untergekommen. Bereits 1952, im allerersten Heft der „Akzente“, erschien ihre „ballade vom blutigen Bomme“. Vom Titelhelden dieser Ballade heißt es, dass er auf dem Weg zum Galgen zwar nicht „beten/lieber schnell aufs klo austreten“ wollte, „doch dann denkt er: einerlei/das geht sowieso vorbei/von zwei peinlichen verfahren/kann er eins am andern sparen“.

          Der bittere Sarkasmus solcher Verse passte nicht so recht zum verordneten Optimismus der Helden des sozialistischen Aufbaus. Das Personal ihrer Dichtung stammte, wie sie bekannte, aus anderen Bereichen: „Henker, Piraten, Selbstmörder, Turmseilläufer“. Entsprechend schlecht standen die Chancen, deren Geschichten im Arbeiter-und-Bauern-Staat unter die Leute zu bringen. Aber auch im Westen hatte sie sich bald mit ihrem Verlag, S. Fischer, überworfen und war fortan auf die Eremiten-Presse angewiesen, die nach den Jahren unter V.O. Stomps in der Bedeutungslosigkeit versickerte.

          Das ist schade, denn damit sind auch ihre frühen Gedichte aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Dieses Amalgam aus Trotz und Anarchismus, mit Sarkasmus durchsetzt, in einer einfachen, kunstvoll naiven Sprache demonstrierte eine sehr eigene Form der Moderne. Sie kam von Brecht her, war an Benn vorbeigegangen und ließ doch immer auch etwas Villon anklingen. Ihre Sätze saßen. Das gilt auch für das kleine Gedicht vom „Briefschreibenmüssen“. Die Ahornnasen hatten damals vermutlich für Kinder eine ähnlich magische Kraft wie ein Paar Kirschen, das als Ohrring getragen wurde. Es war, als könnten sich die Kinder damit selbst verzaubern und so der lähmenden Langeweile ereignisloser Tage entfliehen. Jürgen Theobaldy schrieb später einen Roman über jene Jahre mit dem Titel, der bereits alles sagt: „Sonntags Kino“. Von Kenneth Patchen gibt es ein Gedicht („Street Corner College“), in dem es über diese Generation heißt: Sie standen an der „Straßenecke und hatten nichts zu tun, nichts, wo sie hingehen konnten, keiner“. Christa Reinig hat die Stimmung jener Jahre exakt erfasst. Die Ahornnasen verweisen auf eine Lebenswelt, die kaum Autos kannte und kein Fernsehen. Fußball haben wir mit Blechbüchsen gespielt. Die Kulturindustrie, die bald schon den Stillstand in Bewegung setzen sollte, war noch nicht angelaufen. Es war nichts los.

          Christa Reinig: „Briefschreibenmüssen“

          Hier ist nichts los – außer

          daß alle kinder ahornnasen tragen

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