Als Marcel Reich-Ranicki vor vier Jahrzehnten die Frankfurter Anthologie begründete, war nicht abzusehen, wie lange dieses Experiment Bestand haben würde. Auch nach vierzig Jahren ist der ewige Vorrat deutscher Poesie keineswegs aufgebraucht. Dennoch ist es an der Zeit für eine Öffnung. So wird sich die Frankfurter Anthologie, die von Oktober 2014 an von Hubert Spiegel betreut wird, künftig der Poesie aus aller Welt widmen: Neben deutschsprachigen Gedichten soll auch fremdsprachige Lyrik behandelt werden, sofern sie in einer angemessenen Übersetzung vorliegt. Die inzwischen annähernd 2000 Gedichte der Frankfurter Anthologie werden auch in einer Buchreihe veröffentlicht.

Frankfurter Anthologie:
Walther von der Vogelweide: „Ein Kreuzlied“ (Ton 5)

Dieses Gedicht handelt von einem lange zurückliegenden Krieg, wirft aber eine Frage auf, die stets aktuell bleibt: Wer muss in die Schlacht ziehen, und wer darf zuhause bleiben?

Frankfurter Anthologie:
Christian Friedrich Daniel Schubart: „Die Forelle“

Dieses Gedicht wurde während einer zehnjährigen Festungshaft geschrieben. Zu bleibender Berühmtheit gelangte es durch die Vertonung Franz Schuberts.

Frankfurter Anthologie:
Heinrich Heine: „Die Heimkehr: Gedicht LXIX“

Ein Gott fährt schwarz: In diesem mehrdeutigen Gedicht über eine nächtliche Fahrt in der Postkutsche ist Amor das fünfte Rad am Wagen.

Frankfurter Anthologie:
Adam Zagajewski: „Römische Stadt in der Provinz“

Mystik für Anfänger: Ein Gedicht über das unablässige Wirken der Zeit und das Vergangene, das nur einen Augenblick entfernt ist.

Frankfurter Anthologie:
W. G. Sebald: „Unerschlossen“

Urszene einer Dichterbiographie: Über den Tod als schandbares, von keinem Lebenden mehr gutzumachendes Unrecht.

Frankfurter Anthologie:
Cesare Pavese: „Kommen wird der Tod und deine Augen haben“

Poesie des Ausbruchs: Dieses Gedicht erzählt vom Abschied von einer letzten Geliebten, der zugleich ein Abschied vom Leben ist.

Frankfurter Anthologie:
Doris Runge: „nachsaison“

Wie sieht die Zukunft aus, wenn ein Teil des Sommers und des Lebens vorbei ist? Diese Verse finden den Weg von der mit einem Stirnrunzeln gezogenen Bilanz zum leichthändig tröstenden Liebesgedicht.

Frankfurter Anthologie:
John Burnside: „Bei der Beerdigung meines Vaters“

Ist das Schreckliche im Grunde nur das Hilflose, das Hilfe von uns will? Verse über einen toten Vater und die Erinnerung an ihn, die nicht sterben kann.

Frankfurter Anthologie:
Homerischer Hymnus: „An Selene“

Kein Wunder, dass Zeus sich mal wieder verliebt hat: Ein homerischer Hymnus über eine freundliche Göttin im funkelnden Licht des Vollmonds.

Frankfurter Anthologie:
Jan Wagner: „unterwegs im nebel“

Was Bayerns Abiturienten zur Verzweiflung brachte: Ein Gedicht über das Unterwegssein auf unseren Straßen, ohne Reim, aber mit doppeltem Boden.
Franz Kafka Anfang der Zweanzigerjahre vor dem Wohnhaus der Familie am Altstäder Ring in Prag

Frankfurter Anthologie:
Franz Kafka: „In der abendlichen Sonne“

Als Lyriker blieb er weitgehend unbekannt: Die schwermütigen Verse eines Autors, der die Weltliteratur verändert hat.

Frankfurter Anthologie:
Abraham Sutzkever: „Die Fiedelrose“

Wenn rote Rosen zu blutigen Wunden werden: Dieses Gedicht erinnert an die Asche der Ermordeten, die zerstörte Kunst der jiddischen Moderne und die Wiedergeburt der Poesie.

Frankfurter Anthologie:
Hilde Domin: „Zwei Türen“

Nach bitteren Erfahrungen schrieb sie Lieder zur Ermutigung: Diese Lyrikerin eröffnet Räume jenseits der Ideologien.

Frankfurter Anthologie:
Arthur Rimbaud: „Maibanner“

Ein verschwenderisches Angebot namens Poesie: Das schmale Werk dieses Junggenies pulsiert von Aufbruchsfuror, zügelloser Ungeduld und der Lust am eigenen Untergang.

Frankfurter Anthologie:
Hedwig Lachmann: „Unterwegs“

Ein Großstadt-Gedicht mehr, aber eines mit sehr eigenem Akzent: Seine Verfasserin war Muse, Pazifistin, Dichterin und nur im Unterwegssein zuhause.

Frankfurter Anthologie:
Elsa Asenijeff: „Heilige Kräfte“

Auf zum Tempel aller Schmerz- und Lustekstasen: Dieses Gedicht zeigt, wie selbstbewusst und radikal Feminismus um 1900 klingen konnte.

Frankfurter Anthologie:
Iwan Franko: „Es liegt ein Dorf im Tale drin“

Eine Miniaturtragödie in Versen: Dieses Gedicht handelt vom Scheitern der Aufklärung und dem Drama des im eigenen Lande verkannten Propheten.

Frankfurter Anthologie:
Marie T. Martin: „Lösen“

Damit das Herz nicht vor Kummer zerspringt: Ein Gedicht über gelöste Bindungen, schlafende Lektionen und das Licht, das uns die Füße leckt.

Frankfurter Anthologie:
Johann Wolfgang Goethe: „Celebrität“

Bestaunt, begafft, gefeiert: Dieses Gedicht eines Klassikers beleuchtet die Schattenseiten des Ruhms und scheint auf Klassizität zu pfeifen.

Frankfurter Anthologie:
Christine Lavant: „Her mit dem Kelch“

Rauschhaft, dringlich und brillant: Die Poesie dieser großen Dichterin schöpft aus einer Quelle, die so tief ist wie das Leid, das sie bezeugt.
Autorin Marion Poschmann 

Frankfurter Anthologie:
Marion Poschmann: „Und hegte Schnee in meinen warmen Händen“

Der Mensch vertreibt das Holozän? Dieses Gedicht findet Worte für die tiefgreifenden globalen Veränderungen, die uns alle bedrohen.
Erich Fried im Jahr 1986

Frankfurter Anthologie:
Erich Fried: „Fast alles“

Der unübertroffene Meister der politischen Lyrik: Ein Gedicht über die schreckliche Einsicht, dass fast alle Menschen fast allen Menschen fast alles antun.
William Blake (1757 bis 1827)

Frankfurter Anthologie:
William Blake: „Die kranke Rose“

Ein Verbrechen aus unwiderstehlicher Zuneigung? Dieses Gedicht handelt von der Verletzlichkeit der Rose und all dessen, was sie symbolisiert.

Frankfurter Anthologie:
Christian Morgenstern: „Denkmalswunsch“

Nichts ist unauffälliger als ein Denkmal? Kommt darauf an, meint der Dichter, und macht mit diesem Gedicht einen ungewöhnlichen Vorschlag, um sein Nachleben zu sichern.

Frankfurter Anthologie:
Michael Buselmeier: „Wie in Banden“

Von den Merseburger Zaubersprüchen zu den Schrecken des Zweiten Weltkriegs: Dieses Gedicht handelt von Kindheitswunden und den heilenden Kräften der Poesie.
Alfons Paquet

Frankfurter Anthologie:
Alfons Paquet: „Kurze Biographie“

Von seiner Sorte könnten wir heute wahrlich mehr gebrauchen: Der Verfasser dieses Gedichts war ein heimatverbundener Weltbürger, voller Zuversicht und Heiterkeit.
Selma Meerbaum (rechts) und Else Schächter

Frankfurter Anthologie:
Selma Meerbaum: „Frühling“

So schön, so hell und so bedroht: Verse einer Sechzehnjährigen, die den Tod vor Augen hat und dennoch an den Frühling denkt.

Frankfurter Anthologie:
Johannes Kühn: „Überblick“

Kindlicher Übermut, Last des Daseins, Angst vor dem Alter: In diesem Gedicht zieht ein Naturlyriker mit erweiterten Flügeln, wie er sich selbst nannte, poetische Bilanz.

Frankfurter Anthologie:
Karoline von Günderrode: „Vorzeit, und neue Zeit“

Mehr Eigensinn, als ihre Zeit verkraften konnte: Diese Dichterin wusste die trostlosen Seiten einer aufgeklärten und rein rationalen Weltsicht in Worte zu fassen.

Frankfurter Anthologie:
Theodor Kramer: „Der alte Gelehrte“

Gedicht über einen, über den die Zeit hinweggegangen ist. Der Anblick ist traurig, aber nicht gerade selten. Da stellt sich die Frage: Sollten wir Mitleid mit ihm haben?
Georgi Gospodinov

Frankfurter Anthologie:
Georgi Gospodinov: „Tee mit Sahne“

E- und U-Kultur sind schon seit Langem kommunizierende Röhren. Dieses Gedicht fragt auf ironische Weise danach, welche der zirkulierenden Flüssigkeiten bedeutsamer sei: der Tee oder die Sahne?

Frankfurter Anthologie:
Jürgen Nendza: „Rotbuche“

Der Wald als Andachtsraum? Baumgedichte gehören zum lyrischen Kanon - vom Frühromantiker Eichendorff bis zum deutsch-britischen Lyriker Michael Hamburger. Dieses Gedicht fragt nach den Buchstaben hinter dem Buchenwald.