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Frank-Schirrmacher-Preis 2018 : Alles nicht so lange her

Preisträger Daniel Kehlmann ist Frank Schirrmacher nie begegnet. Ob er eines meiner Bücher gelesen habe, sagte Kehlmann in seiner Dankesrede, wisse er nicht. Jedenfalls habe er ihn weder gelobt noch gekränkt. Bild: Jens Gyarmaty

Ein kleiner Schock und große Empathie: Frank-Walter Steinmeiers Laudatio auf den Schirrmacher-Preisträger Daniel Kehlmann war eine Liebeserklärung an die Literatur.

          Das war schon ein besonderer Moment, als sich am Montagabend zu Beginn der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises im Redaktionsgebäude der F.A.Z. in Berlin das Publikum erhob und der Bundespräsident den Raum betrat. Und dieser Bundespräsident nicht etwa als Gast gekommen war oder als derjenige, der den Preis verlieh, sondern als Laudator für den Schriftsteller, der den Preis der Frank-Schirrmacher-Stiftung an diesem Abend erhalten sollte: Daniel Kehlmann.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Frank-Walter Steinmeier sieht sich seit Jahren als Vermittler zwischen Politik und Literatur. Schon als Außenminister nahm er Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit auf seine Reisen, im Jahr 2006 zum ersten Mal auch Kehlmann, dessen Buch „Die Vermessung der Welt“ er gerade gelesen hatte, so erzählte Steinmeier an diesem Abend. Wer Alexander von Humboldt kenne, um den es in der „Vermessung der Welt“ ja auch geht, der kenne Südamerika und sei der perfekte Reisebegleiter für eine Lateinamerika-Reise, meinte Steinmeier damals. Er ließ anfragen, und Kehlmann sagte tatsächlich zu. Das erste Mal trafen sie beim Abflug in der Flugzeugkabine zusammen. Steinmeier gestand dem Schriftsteller, dass es seine erste Reise nach Südamerika sei. Daraufhin sagte der: „Meine auch!“ Ein kleiner Schock sei das gewesen, so Steinmeier in seiner Rede. Aber auch „eine Lehre über die große Empathie und Phantasie eines außergewöhnlichen Schriftstellers“.

          Die Laudatio, die Steinmeier hielt, nachdem der Schauspieler Daniel Brühl mit schöner Unaufgeregtheit Auszüge aus Kehlmanns „Kommt, Geister“, aus „Lob: Über Literatur“ und aus dem neuesten Roman „Tyll“ vorgetragen hatte, ging dann aber über das Anekdotische hinaus. Es war eine Liebeserklärung: „Ohne intensive Lektüre, ohne also für Stunden sich in andere Welten zu versetzen, in andere Existenzen, mit anderen Ohren zu hören und mit anderen Stimmen zu sprechen, ohne all das würden wir sofort dümmer.“ Und es war, entlang eines Satzes aus dem Roman „Tyll“ („Denn es ist alles nicht lang her“), eine Interpretation von Kehlmanns Büchern, die uns lehrten, „wie nah die Vergangenheit“ sei; Bücher, die durch die „Erzählbarkeit von Welt und Geschichte“ diese „verstehbar“ machten.

          Schön unaufgeregt: Daniel Brühl las Daniel Kehlmann

          Fast pastoral war der Ton des Bundespräsidenten, bei dem irgendwann auch die Metaphysik ins Spiel kam. Und es war – auch das ein besonderer Moment – Daniel Kehlmann selbst, der dem hohen Ton ein galantes Ende bereitete. So wie Frank Schirrmacher eine Ausnahmeerscheinung im Journalismus gewesen sei, so sei Daniel Kehlmann eine Ausnahmeerscheinung in der Literatur, hatte Steinmeier ganz zu Beginn gesagt und dabei daran erinnert, wie Schirrmacher „gern mit unerwarteten, gelegentlich auch unerhörten Gedanken“ überraschte. Wie er „schonungslos sein konnte, den Zeitgeist irritierte, die Wunden einer selbstzufriedenen Gesellschaft entdeckte“ und großen Spaß daran gehabt habe, Debatten anzuzetteln. Was für ein Verhältnis der Schriftsteller Daniel Kehlmann zu Frank Schirrmacher gehabt habe, darüber wisse er nichts, sagte er noch.

          Das konnte der ihm aber sagen. Kehlmann holte das Publikum ziemlich schlagartig auf den Boden der Tatsachen zurück: „In diesem Raum gehöre ich zu einer kleinen Minderheit. Ich bin Frank Schirrmacher nie begegnet. Ich habe auch nie mit ihm kommuniziert, nicht per Mail, nicht per SMS. Und mir ist nicht bekannt, ob er je eines meiner Bücher gelesen hat, jedenfalls hat er mich weder gelobt noch gekränkt. Ich bin also ganz objektiv“, sagte er in seiner Dankesrede.

          Kehlmann entwarf daraufhin eine Rede, die er eigentlich hatte halten wollen. Eine Rede, in der er hatte erzählen wollen, wie er Schirrmacher zu Lebzeiten immer mit Scheu beobachtet habe, einfach weil der im Milieu der Kultur so mächtig gewesen sei. In der er darauf hatte eingehen wollen, wie sehr derselbe Schirrmacher in einer Welt von Donald Trump, Viktor Orbán und der AfD fehle. Dann aber sei ihm Till Eulenspiegel dazwischengekommen, auf die gleiche Art sei er ihm gegenwärtig geworden wie beim Schreiben seines Romans „Tyll“.

          So verwandelte sich die Dankesrede in einen virtuosen Dialog zwischen dem Schriftsteller Daniel Kehlmann und dem Narren Eulenspiegel, der ihm fordernd und mahnend im Nacken saß: „Sprich davon, wie plötzlich einer sterben kann. Mitten darin. Alltagsverwickelt, voller Absichten, voll Neugier, Wut, Liebe, kleiner Pläne, großer Pläne. Sprich davon, wie furchtbar das ist.“ Daniel Kehlmann tat es, sprach über den Tod eines Menschen, den er nicht gekannt hatte, und überhaupt über den Tod. So wie er es tat, können es vielleicht überhaupt nur Schriftsteller.

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