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Frank Schirrmacher : Mein Lieblingsbuch: „Annäherungen - Drogen und Rausch“

  • Aktualisiert am

Experimentierfreudig: Ernst Jünger Bild: dpa

„Annäherungen - Drogen und Rausch“ ist eines der erregendsten Bücher über die zwanziger Jahre, eine in kleine Erzählungen verkleidete Autobiographie Ernst Jüngers und ein ungehobener Schatz.

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          Jeden Tag, an dem die tüchtige Kollegin mich nach meinem Lieblingsbuch fragt, werde ich zum Verräter. Jeden Tag habe ich ein anderes. Aber sie sagt: "Man darf nur eins."

          Jeden neuen Tag verrate ich nicht nur das Lieblingsbuch, das ich gestern ans Herz drückte, sondern auch schon das heutige, weil heute bereits feststeht, daß ich es ja morgen schon wieder schmählich im Stich lassen werde. Ich könnte sogar sagen, daß sich mein Lieblingsbuch stündlich ändert. Liebe ich das eine, denke ich schon ans andere: den "Radetzkymarsch" nennen, aber Canettis "Blendung" nicht? Und wie steht es mit all den Büchern, die mir einst halfen, gegen den denn doch recht langweiligen "Pan Tau" oder den eher unglaubwürdigen "Spatz vom Wallraffplatz" die Nachmittage zu überstehen: von "Sigismund Rüstig" bis zu "Jim Knopf"?

          Der Zwang zum Staatsstreich

          Allen habe ich ewige Treue geschworen, alle waren Herrscher und demokratisch gewählte Regierungen meiner Innenwelt, und nun kommt die Kollegin und sagt: "Man darf nur eins", zwingt mich zum Staatsstreich. Es fehlen, sage ich, Hesse und Benn, Karl Mays "Sklavenkarawane", Stanislaw Lems "Sterntagebücher", Reich-Ranickis Erinnerungen und Donna Tartts "Geheime Geschichte", um nur mal meine Lieblingsbücher der 32. Kalenderwoche zu nennen. Das Lieblingsbuch eines Menschen - da kann es, zusammenfassend gesprochen, nur Annäherungen geben.

          Und wie es der Zufall will, findet sich unter diesem Titel in der Buchhandlung eines meiner schönsten Lieblingsbücher: Ernst Jüngers "Annäherungen. Drogen und Rausch", das mit dem Satz beginnt: "Messer Ludovico, was treibt Ihr für Narrheiten?" Ein CDU-Politiker der sechziger Jahre wollte das Buch verbieten, weil es die Jugend zu Drogen verleite. Das stimmt nicht. Es handelt von all den Dingen, die uns die Sinne rauben. Von Kaffee ist darin die Rede, aber auch von Bier und Opium. Das alles aber ist, wie bei einem Rausch, nur Oberfläche.

          In Wahrheit ist dieses Buch eines der erregendsten Bücher über die zwanziger Jahre, eine in kleine Erzählungen verkleidete Autobiographie Ernst Jüngers, der damals, wie er sagte, im Dotter des Leviathan lebte. Das Buch gehört zu den ungehobensten Schätzen unserer Literatur und vielleicht auch zu den ungelesensten Büchern. Es ist, soviel kann ich heute sagen, mein absoluter Liebling.

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