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Frank Schätzings neuer Roman : Sein Sprung in den Nahost-Konflikt

Der Entertainer unter den Schriftstellern: Schätzings Lesungen sind eine Performance
Der Entertainer unter den Schriftstellern: Schätzings Lesungen sind eine Performance : Bild: Anna Meuer

Doch im Gegenzug überzeugt im anderen Strang zweierlei umso mehr: das Tempo des Erzählens in den von immer neuen Verfolgungsjagden geprägten Tom-Hagen-Passagen und die Anschaulichkeit von Schätzings aktuellen Schilderungen. Im März 2012 war er nach Israel gereist, um Schauplätze für „Breaking News“ zu finden. Vom See Genezareth im Norden bis nach Eilat im Süden, von Tel Aviv an der Mittelmeerküste bis nach Nablus im Westjordanland durchreiste Schätzing drei Wochen lang die Region, und alle diese Orte finden sich im Buch wieder, genauso wie die Gespräche, die er mit Israelis und Palästinensern führte. „In Israel ist es ja wie in Köln: Kennen Sie einen, kennen Sie alle.“ Selbst die launige Danksagung am Ende trägt noch zum Thrillergefühl bei, weil man sie im Rückblick auf die Handlung enträtseln kann, denn manche seiner dort genannten Informanten wurden zu Romanfiguren: ein fußballverrückter Sesamhändler aus Nablus zum Beispiel, ein liberaler Rabbi aus einem Siedlerdorf im besetzten Westjordanland, Jugendliche aus Tel Aviv.

Schätzing schlägt sich aber auf keine Seite in den vielfältigen israelischen Konflikten, obwohl sie alle Thema in „Breaking News“ sind: „Wichtig war mir, nicht zu werten. Ich versuche beim Schreiben, die Astronautenperspektive einzunehmen: So weit wie möglich weg, erst dann sieht man, dass die Erde eine Kugel ist. Danach nähere ich mich wieder an und gehe in die Details, doch weiterhin mit dieser Erfahrung des Abstands. Dann kann man differenzieren, nicht nur zwischen religiösen und säkularen Israelis, sondern auch innerhalb dieser Gruppen.“ Hat er beim Thema Israel aber tatsächlich gar keine politische Agenda? „Sie meinen, ob ich eine Botschaft habe? Nur eine: Let me entertain you.“

Das ist ein selbstbewusstes Bekenntnis in unserem Land, das Unterhaltung nicht als vordringliches Ziel seiner Literatur betrachtet. Schätzing sieht das anders, ihn interessieren formale Experimente ebenso wenig wie politische Absichten. Allerdings hat er diesmal einen für ihn neuen Erzählstil etabliert, der knappste Formulierungen zu eigenen Absätzen macht, um das Tempo seiner Erzählung durch solches Prosastakkato noch zu unterstreichen. Vorbilder dafür bieten amerikanische Thrillerautoren wie Don Winslow, und Schätzing hegt die Hoffnung, dass ihm mit „Breaking News“ endlich der Durchbruch in den Vereinigten Staaten gelingen könnte, der dem sonst weltweit erfolgreichen „Schwarm“ versagt blieb, weil seine amerikanische Verlegerin gerade in dem Moment geschasst wurde, als die Publikation bevorstand. „Von ,Limit‘ konnte ich nichts erwarten, der ist einfach zu dick für die Amerikaner.“ Gegenüber den 1300 Seiten dieses Romans sei „Breaking News“ aber mit seinen 960 Seiten nun geradezu eine Novelle. Und das israelische Thema sollte die jüdischen Kreise in den Vereinigten Staaten interessieren. Doch sogleich korrigiert Schätzing sich: „Nichts ist fataler, als wenn Sie ein Buch schreiben und dabei auf Zielgruppen schielen. Aber wenn es dann fertig ist, habe ich Spaß daran, über die Vermarktung nachzudenken. Da kommt meine Vergangenheit als Werber wieder hoch.“

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