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Fragen Sie Reich-Ranicki : Zwischen leiser Zärtlichkeit und dröhnender Wut

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Sarah Kirsch - die Lyrikerin der großen Gefühle Bild: dpa

Was er von den Versen Sarah Kirschs halte, wird Marcel Reich-Ranicki von einem Leser gefragt. Sie sei die Lyrikerin der großen Gefühle und mächtigen Leidenschaften, schreibt der Literaturkritiker, dem Kommunismus verbunden in enttäuschter Liebe.

          Was halten Sie von der Poesie der Sarah Kirsch? Matthias Wehry, Mannheim

          Reich-Ranicki: Sarah Kirsch war schon in ihren frühen Jahren eine berühmte, jedenfalls in der DDR anerkannte Dichterin: Sie wurde 1935 im Harz geboren, sie ging 1977 in die Bundesrepublik. Sie lebte einsam in Schleswig-Holstein und wurde dann, im Westen, offensichtlich unterschätzt.

          Die Poesie der jungen Sarah Kirsch, das ist vor allem Lyrik - Lyrik der großen Gefühle und der mächtigen Leidenschaften, des hochgespannten Tons und des dramatischen, wenn auch nicht hochdramatischen Gestus. Daher schwanken diese Verse zwischen den Extremen, zwischen strahlendem Licht und düsterer Nacht.

          Ihre Skala reicht von der Erfüllung bis zur Verweigerung, von leiser Zärtlichkeit bis zu dröhnender Wut und bis zu gewaltigem Zorn, von der Seligkeit bis zur Bitterkeit der Niederlage. Frühling und Herbst, die in der deutschen erotischen Dichtung so beliebten Jahreszeiten, spielen bei Sarah Kirsch kaum eine Rolle. Sie bevorzugt vielmehr den heißen Sommer und den kalten Winter.

          Ob himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt - sie schreitet den ganzen Kreis der Schöpfung aus, vom Himmel durch die Welt zur Hölle. Sie verwandelt alles, übermütig und treuherzig zugleich, in die Szene ihrer Liebe. Das Gedicht „Schwarze Bohnen“ vergegenwärtigt die Verzweiflung einer Frau, die vergeblich auf ihre Freundin gewartet hat. Ihre Poesie ist authentisch.

          Nachmittags mahle ich Kaffee
          Nachmittags setze ich den zermahlenen Kaffee
          Rückwärts zusammen schöne
          Schwarze Bohnen
          Nachmittags ziehe ich mich aus mich an
          Erst schminke dann wasche ich mich
          Singe bin stumm

          Nicht der Klassenkampf zog die junge Sarah Kirsch an, wohl aber die gemeinsame Aktion, nicht marxistische Gedanken faszinierten sie, wohl aber die menschlichen Beziehungen im Zeichen einer nationalen Aufgabe und einer übernationalen Idee. Die Abwendung von der DDR erinnert an den Abbruch einer langjährigen Liebesbeziehung.

          Mit ihrer Übersiedlung in den Westen trennte sie sich von der Heimat, ohne damit ihr zentrales Erlebnis im Nachhinein zu verurteilen. In dem Gedicht „Der Rest des Fadens“, dem ersten in West-Berlin geschriebenen, hat sie hierfür das poetische Bild gefunden. Vom Drachensteigen ist die Rede, von einem „Stern aus Papier“.

          Das Fazit, die Bilanz einer Generation, die sich in der DDR dem Kommunismus verschworen hat, lautet: „Uns gehört der Rest des Fadens und dass wir dich kannten.“ Die Hoffnung der Sarah Kirsch wurde enttäuscht. Man hat sie betrogen. Doch haben wir, berichtet Sarah Kirsch knapp, das Glück gekannt, an Ideale zu glauben, an eine Utopie. Und dieses Glück kann der Poetin keiner mehr nehmen.

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