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Fragen Sie Reich-Ranicki : Zu Klageliedern gibt es keinen Grund

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Johann Peter Hebels poetische Geschichten gehören zu den schönsten in deutscher Sprache, meint Marcel Reich-Ranicki. Erich Maria Remarque hingegen habe vor allem eine Stärke gehabt: seinen Geschmack.

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          Johann Peter Hebel scheint zu denjenigen Autoren zu gehören, die in der Wahrnehmung durch die Literatur- geschichtsschreibung immer etwas an den Rand gedrängt wurden. Sie haben einige seiner Erzählungen in Ihren Kanon aufgenommen. Wie beurteilen Sie seine Aktualität? Monika Rihm, Karlsruhe

          Reich-Ranicki: Es tut mir leid, aber es trifft nicht zu, dass die Literaturhistoriker Hebel bagatellisiert oder an den Rand gedrängt hätten. Ganz im Gegenteil: Man hat ihn geschätzt, bewundert und geliebt. Und auch heute gibt es kaum eine Anthologie der erzählenden deutschen Prosa der Klassikerzeit, die ihn übergehen würde. Seine meist ganz kurzen Geschichten und Anekdoten sind naiv und weise, pädagogisch und humoristisch, idyllisch und satirisch. Sie belehren und amüsieren zugleich. Man kann das alles auch knapper formulieren: Hebels Prosa - das sind vor allem poetische Geschichten. Sie gehören zu den schönsten in deutscher Sprache, und ihr Autor wurde häufig als einer der liebenswürdigsten deutschen Schriftsteller gerühmt.

          Er lebte von 1760 bis 1826, also in der Epoche von Goethe und Schiller. Seine Prosa hat inzwischen von ihrer Aktualität so wenig eingebüßt wie von ihrem Charme. Zu Klageliedern wegen angeblicher Benachteiligung gibt es wirklich keinen Grund.

          Einer meiner Lieblingsautoren ist Erich Maria Remarque. Haben Sie ihn persönlich gekannt? Welche Rolle hat er im deutschen Literaturbetrieb bis zu seinem Tod 1970 gespielt? Carsten Haider, Mannheim

          Reich-Ranicki: Ich habe Remarque nicht persönlich gekannt, sein Werk hat mich nie sonderlich interessiert. Im deutschen Literaturbetrieb hat er im Grunde nie eine Rolle gespielt, unter anderem deshalb, weil er ab 1930 vorwiegend im Ausland gelebt hat und nur selten in seiner alten Heimat zu sehen war.

          Mit seinem wichtigsten Buch, „Im Westen nichts Neues“, lieferte er dem Publikum Ende der zwanziger Jahre, worauf es damals - und nicht nur in Deutschland - gewartet hatte: jene Geschichte aus dem Alltag des Krieges, in der jeder seine eigenen Erfahrungen, Leiden und Gefühle wiedererkennen konnte. Remarque erzählte, was war und wie es war. Nur machte er die dargestellte Realität mit Romantizismen erträglich und mit Knalleffekten konsumierbar und spannend. Das Buch war ein Welterfolg. Auch mit seinen späteren Büchern, Unterhaltungsromanen in der unmittelbaren Nähe der Kolportage, erzielte er geradezu märchenhafte Auflagen. Als die stärkste Seite des Schriftstellers Remarque erwies sich immer wieder sein Geschmack. Denn es war der Geschmack von Millionen.

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