https://www.faz.net/-gr0-w03j

Fragen Sie Reich-Ranicki : Zärtlichkeit, Grimm und Ironie

  • Aktualisiert am

Patrick Süskind- Das Parfum Bild:

Immer wieder wurde Patrick Süskind altmodisches Erzählen vorgeworfen. Tatsächlich kümmert sich der Autor nicht einen Pfifferling um die Mittel und Tricks des modernen Romans. Wie Marcel Reich-Ranicki den Verfasser des Welterfolgs „Das Parfum“ einschätzt.

          Was halten Sie eigentlich von Patrick Süskind?
          Thomas Herburger, Hildesheim

          Marcel Reich-Ranicki: Das Interesse für Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“, erschienen 1985, lässt nicht nach. Zuletzt hat dies wohl mit der Verfilmung von Tom Tykwer zu tun. Süskind, 1949 am Starnberger See geboren, ist kein einfacher Fall der deutschen Literaturgeschichte nach 1945. Aufgewachsen ist er in einer literarischen Familie und wurde vielleicht deshalb ein Spätentwickler. Zunächst lebte er wohl von rasch, doch mit Witz geschriebenen Fernseharbeiten. Bekannt, ja berühmt machte ihn 1981 ein Stück, das uns an eine in Vergessenheit geratene Gattung erinnerte: das Ein-Personen-Drama „Der Kontrabass“, das in ganz Europa gespielt wurde und jetzt aus unverständlichen Gründen vergessen scheint.

          Hier haben wir schon den ganzen Süskind: einen Autor mit Charme und Humor, mit lächelnder Melancholie, mit Vergnügen an der Sprache und mit einer Schwäche für die Benachteiligten, für die Zukurzgekommenen. Ein Zukurzgekommener, ein Benachteiligter steht auch im Mittelpunkt seines Romans „Das Parfum“. Schon auf den ersten Seiten des Romans verbirgt sich ein ästhetisches Programm, nämlich ein trotziges Bekenntnis zum traditionellen Erzählen. Um die verschiedenartigen Mittel und die raffinierten Tricks des modernen Romans kümmert sich dieser Autor nicht einen Pfifferling. Der Vorwurf, er spiele den allwissenden Erzähler und sei somit ein ganz altmodischer Kerl, scheint ihm völlig gleichgültig.

          Triumph des erzählerischen Talents

          Er beginnt die Geschichte seines abstoßenden Helden mit dessen Geburt und schließt sie mit dessen Tod, er berichtet gradlinig und in chronologischer Reihenfolge. Ich wiederhole, was ich schon 1985 geschrieben habe: Ich sage nicht, dass man heutzutage so erzählen soll. Aber ich meine, dass man auch heute so erzählen darf - vorausgesetzt, dass man es kann.

          Süskind vermag sogar dem Gestank mit schönen, geradezu eleganten Sätzen gerecht zu werden. Er hat einen ausgeprägten Sinn für den Rhythmus der Sprache, der weder hämmernd noch stampfend wirkt. Seine Sätze sind niemals schwerfällig. Auch wo sie sich zu langen Perioden auswachsen, ist Süskinds Diktion geschmeidig und anmutig. Die einnehmende Musikalität seiner Prosa lässt vermuten, dass von allen Sinnesorganen dieses Autors das Ohr am besten entwickelt ist. Der Mann, dessen Lebensweg der Roman ausbreitet, verfügt über Fähigkeiten, die er ebenfalls einem einzigen Sinnesorgan verdankt: der Nase. Er, der selber nach gar nichts riecht, indes mit einer fabelhaften Nase begnadet, alles riechend aufnimmt, und der nicht glauben kann, was sich nicht riechen lässt, strebt, sage und schreibe, eine Revolution an.

          Auch den meist düsteren Hintergrund des Paris des 18. Jahrhunderts hat Süskind zärtlich entworfen und nicht ohne Grimm und Ironie. Mit einer überaus sinnlichen Prosa bietet er uns eine Vorstellung von bewundernswerter Anschaulichkeit. Es triumphiert immer wieder das artistische Talent eines Erzählers, dem es Spaß macht, den Lesern allerlei vorzuflunkern und sie damit vorzüglich zu unterhalten.

          Und wie geht das alles weiter? Dem Leser wird empfohlen, das „Parfum“, obwohl es den Film längst gibt, unbedingt selber zu lesen. Leider hat Süskind keinen weiteren Roman verfasst.

          Weitere Themen

          Im begehbaren Familienalbum

          Analoge Fotografie : Im begehbaren Familienalbum

          Warum beschäftigt sich der kanadische Künstler Michel Campeau mit einer scheinbar anachronistischen Fototechnik? Eine Frankfurter Ausstellung geht einer der größten Zäsuren in der Entwicklung der Fotografie nach.

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Was darstellen, wenn die Welt untergeht?

          Probleme bei Sky : Was darstellen, wenn die Welt untergeht?

          Knappe Entwicklungszeiten, fehlende Schauspieler: Der Sender Sky kämpft. Gegen Netflix und Amazon muss er sich behaupten. Die Produzenten von Serien, die nicht nur Sky braucht, sind fein raus.

          Topmeldungen

          Der Blick auf die Oberbaumbrücke, die Friedrichshain und Kreuzberg verbindet.

          Glücklich im Job : Wo die Arbeit am meisten Spaß macht

          Laut einer neuen Auswertung leben die glücklichsten Arbeitnehmer in Berlin. Aber was fördert überhaupt die Zufriedenheit von Mitarbeitern? Mehr Freizeit statt mehr Geld ist nur eine Möglichkeit.

          Trumps Ausfälle : Rassist? Hetzer!

          Trumps Anhänger lieben es, wenn er vulgär und beleidigend wird. Das nennt man Mobilisierung. Da spielt es fast keine Rolle, ob er ein Rassist ist oder nicht. Dem Land dient das in keinem Fall.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.