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Fragen Sie Reich-Ranicki : Wir schauen nicht unter den Teppich

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Bild: Verlag

Die Schriftstellerin Hilde Spiel war auch eine vielseitige Kritikerin. Ihr fehlte es weder an Spott noch an Liebe, weder an Herzlichkeit noch an Ironie. Nur die Wertung wollte sie doch lieber vermeiden. Sie wollte den Kuchen essen und doch behalten. Marcel Reich-Ranicki erinnert sich.

          Welche Werke der Autorin Hilde Spiel könnten Sie mir empfehlen? Eric Leonhard, Spiehl

          Sie wurde 1911 in Wien geboren, ging 1936 der Nationalsozialisten wegen nach London, kehrte 1955 nach Österreich zurück und starb 1990 in Wien. Ihre Publikationen schrieb Hilde Spiel in deutscher und in englischer Sprache, sie veröffentlichte Romane, Novellen, ein Theaterstück und noch allerlei.

          Doch wichtiger als diese Arbeiten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten waren, sind ihre Feuilletons, ihre Essays, Kritiken und Skizzen, ihre Kunstbetrachtungen, ihre poetischen Reportagen und kulturgeschichtlichen Darstellungen, ihre biographischen und autobiographischen Aufsätze. Sie boten, alles in allem, wissenschaftliche Abhandlungen und witzige Plaudereien.

          Als Kritikerin zeichnete sie sich durch erstaunliche Vielseitigkeit aus, sie verfügte über delikate Waffen und ebenso scharfe, doch diskrete Instrumente. Ihr fehlte es weder an Spott noch an Liebe, weder an Herzlichkeit noch an Ironie.

          Aber Hilde Spiels Texte waren eher auf die Beleuchtung und die Vergegenwärtigung der Phänomene aus als auf deren direkte Beurteilung. Die Wertung bereitete ihr keine Schwierigkeiten, aber sie wollte sie doch lieber vermeiden. Sie möchte den Lesern reinen Wein einschenken und zugleich den Autor, den Schauspieler und Regisseur nicht kränken. Unter uns: Sie möchte den Kuchen aufessen und ihn doch behalten. Der Essayist oder Feuilletonist kann sich das leisten. Doch der Kritiker?

          In Berlin wollte Hilde Spiel nicht bleiben. Österreich, die vernichtete Heimat, aus der sie einst vertrieben worden war, kam für sie zunächst nicht wieder in Betracht. So kehrte sie nach London zurück, doch schrieb sie vorerst für westdeutsche Zeitungen und Zeitschriften, Verlage und Rundfunksender.

          1955 erwirbt sie ein Haus in St. Wolfgang und ist nun mit einem Bein in England und mit dem anderen in Österreich. Zum Freund wird jetzt im Salzkammergut der österreichische Romancier Lernet-Holenia, der allerdings das Verwundetenabzeichen am Lodenhut trägt, jedoch das Hakenkreuz auf diesem Abzeichen so nachlässig ausgerieben hat, dass man es immer noch gut erkennen konnte. Hilde Spiel bekannte: „Wir schauen nicht unter den Teppich, wir klopfen den doppelten Boden nicht ab.“ Die Freundschaft mit Lernet-Holenia war auf besondere Weise belastet.

          Die nächste Freundschaft der Hilde Spiel gilt Heimito von Doderer, dessen Roman „Dämonen“ in der ursprünglichen Fassung eindeutig antisemitische Züge trägt. In Wien sehnt sich Hilde Spiel nach englischer Diskretion, Disziplin, Distanz. Nur dass man sie in Österreich lächelnd duldet und in England höflich ignoriert.

          Es gibt noch sehr viel über Hilde Spiel zu sagen, zu berichten, zu erzählen. Ein besonders aufschlussreiches Buch von ihr trägt den Titel „Die Dämonie der Gemütlichkeit“ mit dem Untertitel „Glossen zur Zeit und andere Prosa“. Sicher ist: Viele damals vergessene Autoren, über die Hilde Spiel schrieb, haben nicht wenige Leser und Schriftsteller für sich wiederentdeckt - und mit Dankbarkeit.

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