https://www.faz.net/-gr0-qh3b

Fragen Sie Reich-Ranicki : Wie sind Thomas Bernhards Romane?

  • Aktualisiert am

Thomas Bernhard Bild:

Haben Thomas Bernhards Romane „Die Ursache“, „Der Keller“, „Der Atem“, „Die Kälte“ und „Das Kind“ noch heute eine literarische Aussagekraft? Wir fragen Marcel Reich-Ranicki.

          2 Min.

          Haben Thomas Bernhards Romane "Die Ursache", "Der Keller", "Der Atem", "Die Kälte" und "Das Kind" noch heute eine literarische Aussagekraft? Pfarrer Dr. Horst Jesse

          Reich-Ranicki: Im Grunde sind es nicht fünf Romane, sondern fünf in sich geschlossene Erzählungen von je kaum mehr als hundert Seiten. Sie wurden getrennt in der Zeit von 1975 bis 1982 publiziert und rezensiert. Zusammen bilden sie einen autobiographischen Roman, der, meiner Ansicht nach, so gut wie nichts von seiner literarischen Kraft eingebüßt hat.

          Wie in allen seinen Büchern erzählt Bernhard auch hier eine Leidensgeschichte, wie in den vorangegangenen gilt auch hier seine Aufmerksamkeit einem Gekränkten und Gefährdeten, einem Außenseiter am Abgrund. Ein Halbwüchsiger ist es, ein Jugendlicher - am Anfang der "Ursache" erst zwölf, am Ende des fünfbändigen Werks etwa zwanzig Jahre alt. Und es ist kein anderer als er selber, der künftige Schriftsteller Thomas Bernhard.

          In jedem der fünf Bücher wird das epische Material um eine Lokalität gruppiert - ein Internat, eine Lebensmittelhandlung, eine Lungenheilstätte. Diese Lokalitäten befinden sich allesamt in Salzburg. Die Autobiographie erweist sich als ein Salzburger Entwicklungsroman, dessen jugendlicher Held einen schmerzhaften, ja grausamen Erziehungsprozeß durchmacht.

          Das Ganze wird in der Ich-Form erzählt. Dennoch fallen zwei Perspektiven auf: Bernhard berichtet, was er damals erlebt und empfunden habe. Aber er verschweigt die heutige Sicht nicht. Deshalb dominiert hier der emotionale, der leidenschaftliche Blickwinkel des Jugendlichen. Freilich sind diese Erinnerungen von dem reifen Schriftsteller Bernhard ausgewählt und ausgedrückt, der nur gelegentlich (und ganz behutsam) kommentierend eingreift.

          Die Auseinandersetzung mit der Welt ergibt sich in der Autobiographie vor allem aus zornigen Jugenderinnerungen und aus poetischen Beschwörungen. Der sprachmächtige und gleichwohl ohnmächtige Wutschrei gegen Salzburg ist Bernhards Protest gegen das Dasein. Wäre er nicht in Salzburg aufgewachsen, sondern vielleicht in Augsburg oder Flensburg, dann würden ihm gewiß diese Städte zum Sinnbild unserer verdammungswürdigen Existenz geraten. Freilich liefert Salzburg mit "einer der schönsten Architekturen, die jemals geschaffen worden sind", eine besonders effektvolle und von Bernhard mit Haßliebe gezeichnete Kontrastkulisse für seine apokalyptischen Visionen. Die Stadt wird (während des Zweiten Weltkriegs) zum Bezirk des Verfalls, der Auflösung und des Todes.

          Die Institution, die Bernhard am meisten haßt und verachtet und über die er auch am liebsten schreibt, ist die katholische Kirche. Zwischen dem nationalsozialistischen und dem katholischen System im Salzburger Internat sieht er keinen Unterschied. Man sollte derartige Äußerungen zwar unbedingt ernst, doch nicht immer ganz wörtlich nehmen. Es sind poetische Schimpf- und Schmähreden, es sind verbale Ausbrüche von großem rhetorischen Schwung. Aber sie geben in der Regel nicht mehr und nicht weniger wieder als die verzweifelten Reaktionen eines so einsamen wie empfindlichen Halbwüchsigen.

          Diese bisweilen haarsträubenden Verallgemeinerungen, die pauschale Weltablehnung und die grandiose Daseinsverurteilung finden in der Autobiographie ihre ebenso einfache wie einleuchtende psychologische Begründung. Hier zeigt sich auch, daß Bernhards Prosa da vor allem triumphiert, wo er seine Milieuschilderung mit passionierten Pamphleten stützt und seine Pamphlete mit anschaulicher Milieuschilderung beglaubigt.

          Die Autobiographie ist Thomas Bernhards reichstes und reifstes Werk. Sie gehört zu den großen literarischen Dokumenten der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auch der Münchner Thomas Müller vergab Chancen in Gladbach.

          1:2 in Mönchengladbach : Den Bayern versagen die Nerven im Topspiel

          Die Münchner sind hoch überlegen, nutzen aber nur eine der zahlreichen Chancen. Spitzenreiter Gladbach gleicht schnell aus – und gewinnt kurz vor Schluss sogar noch, als ein Münchner vom Platz fliegt und die Borussia per Elfmeter trifft.
          In eine neue Zukunft? Das neue SPD-Führungsduo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans

          Neue SPD-Spitze : Zwei Neulinge, viele Helfer

          Die SPD hat eine koalitionskritische Hinterbänklerin und einen Polit-Pensionär an die Spitze gewählt. Aber der Rest der Führung besteht aus Parteiprofis, die überwiegend regieren wollen. Wer sind sie? Eine Analyse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.