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Fragen Sie Reich-Ranicki : Wer folgt auf Lessing?

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Heute kennen bestenfalls Fachleute den wunderbaren Kritiker Friedrich Schlegel. Marcel Reich-Ranicki über einen romantischen Propheten, von dem er viel gelernt hat.

          Ich habe Sie gefragt, von welchen großen Kritikern Sie viel gelernt hätten. Sie verweisen am 24. Juli auf Lessing. Wer folgt jetzt?

          Dr. Wolfgang Herling, Berlin-Charlottenburg

          Es folgt der Romantiker Friedrich Schlegel, der 1772 in Hannover geboren wurde und 1829 in Dresden gestorben ist. Ich weiß schon: Heute kennen diesen wunderbaren Kritiker bestenfalls die Fachleute. Aber eben deshalb schreibe ich hier über ihn.

          Als Kritiker war er auch ein Literaturhistoriker und als Literaturhistoriker auch ein Kritiker. Er schrieb über die Großen der Vergangenheit (Dante, Cervantes, Boccaccio und, vor allem, über Shakespeare), ohne je die Literatur der unmittelbaren Gegenwart zu vergessen. Und er kritisierte seine Zeitgenossen, Goethe und Schiller, Jean Paul und Ludwig Tieck, stets mit dem Blick auf die Literatur der kommenden Generationen. Kniend schrieb er niemals, aufmüpfig häufig. Goethe sah es ungern, Schiller war empört.

          Schlegel war überzeugt, daß jedes vortreffliche Werk, von welcher Art es auch sei, mehr weiß, als es sagt, und mehr will, als es weiß. „Kritisieren heisst“ - schrieb er - „einen Autor besser verstehn, als er sich selbst verstanden hat.“ Niemals kam er auf die Idee, der Kritiker sei klüger oder gebildeter als der Autor. Und doch ist er dem Autor in einer gewissen Hinsicht überlegen. Denn jener, der das Kunstwerk geschaffen hat, weiß, was er beabsichtigt, was er gewollt hat - und gerade dieses Wissen trübt seinen Blick auf das Ergebnis seiner oft langwierigen Arbeit. So fällt es dem Autor schwer, es ist auch nicht seine Sache, den künstlerischen Mehrwert wahrzunehmen, der entsteht, weil das Werk, wenn es denn vorzüglich ist, mehr weiß, als es sagen sollte und wollte.

          So sehr sich Schlegel um die Vermittlung der Literatur bemühte, so wenig war er bereit, Zugeständnisse an den Publikumsgeschmack zu dulden. Also Literatur für eine intellektuelle Minderheit? Ja, Schlegel verteidigte ihre Daseinsberechtigung, doch weltfremd war er nicht. Als er von seinem Bruder August Wilhelm dessen „Hamlet“-Übersetzung erhielt, fielen ihm in beinahe jeder Zeile „ungewöhnliche Worte“ auf. Er warnte ihn: „Du könntest in Gefahr kommen, nur für Gelehrte zu dichten.“ Friedrich Schlegel wollte die Gesellschaft poetisch und die Poesie gesellig machen.

          Er beabsichtigte, „die Literatur in ihrem Einflusse auf das wirkliche Leben, auf das Schicksal der Nationen und den Gang der Zeiten darzustellen“. Eben deshalb hat er jenen Rezensionen, die wir gemeinhin „Verrisse“ nennen, immer viel Aufmerksamkeit gewidmet. Die Kritik, schrieb er, ist die Kunst, „die Scheinlebendigen in der Literatur zu töten“.

          Aber wozu etwas töten, was gar nicht lebt? Schlegel beklagte die Voraussetzungen für die Rezeption der Literatur in seiner Epoche. Seit der Erfindung der Buchdruckerei und seit der Verbreitung des Buchhandels werde „die Masse des falschen und unechten, was in der Bücherwelt, ja auch in der Denkart des Menschen die Stelle des Wahren und Echten einnimmt, gegenwärtig ungeheuer gross“. Was soll man dagegen unternehmen? Damit nun wenigstens Raum geschaffen werde für die Keime des Besseren, müssen Irrtümer und Hirngespinste jeder Art erst weggeschafft werden. Er befürwortete die „billige Verachtung und Wegräumung des Mittelmäßigen oder des Elenden“.

          Schlegel zweifelte nicht, welche Gattung einst im Vordergrund der Literatur stehen werde: Was für die Griechen die Tragödie war und für die Römer die Satire, das werde in der Zukunft der Roman sein. Denn der Roman sei eine äußerst flexible Form, er könne Lyrisches, Dramatisches und Essayistisches, ja schlechthin alles aufnehmen. Aber welche Wahrheiten sollte die Literatur der Zukunft in den Mittelpunkt stellen, welche sollte sie verkünden? Der romantische Prophet Friedrich Schlegel machte sich keine Illusionen: Die höchsten Wahrheiten seien durchaus trivial, und ebendarum sollte man sie immer neu und womöglich immer paradoxer ausdrücken - „damit es nicht vergessen wird, dass sie noch da sind und dass sie nie eigentlich ganz ausgesprochen werden können“.

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