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Fragen Sie Reich-Ranicki : Welches Kinderbuch ist wirklich wichtig?

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Emil und sein Freund Gustav mit der Hupe - sie standen mir ungleich näher als der rote Gentleman Winnetou und der edle Schläger Old Shatterhand: Marcel Reich-Ranicki über Erich Kästner, Deutschlands Exilschriftsteller honoris causa.

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          Haben Sie sich in Ihrer beruflichen Tätigkeit auch mit Kinderbüchern befaßt? Wenn ja, gibt es welche, die Sie als besonders wichtig und wertvoll einschätzen? Jan Matthias, Ratingen

          Reich-Ranicki: Nein, ich habe nur wenige Kinderbücher gelesen, und beruflich habe ich mich mit ihnen nie beschäftigt. Aber ein Kinderbuch hat mich doch, als ich etwa zwölf Jahre alt war, begeistert: Erich Kästners „Emil und die Detektive“, ein „Roman für Kinder“.

          Zu seinen Lebzeiten - er lebte von 1899 bis 1974 - schrieb ich mehr als einmal und wohl etwas trotzig, Kästner, dieser Dichter der kleinen Leute, gehöre zu den Klassikern der deutschen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Habe ich zu dick aufgetragen?

          Ich weiß schon: Seine Romane, auch der wichtigste, „Fabian“, sind längst verblaßt, wenn nicht vergessen. Für die Bühne ist ihm nichts geglückt. Seine Aufsätze waren meist nützlich, aber es sind nur Gelegenheitsarbeiten ohne sonderliche Bedeutung. Was bleibt? Mit Sicherheit nicht wenige seiner Gedichte und noch das eine oder andere von seinen Büchern für Kinder.

          Emil und sein Freund Gustav mit der Hupe - sie standen mir ungleich näher als der rote Gentleman Winnetou und der edle Schläger Old Shatterhand, als die Feldherren Narses und Belisar in dem einst sehr populären Roman „Ein Kampf um Rom“ von Felix Dahn.

          Diese Geschichte von den Berliner Kindern, denen es gelingt, den Dieb zu fassen, den Bösewicht, der den Emil in der Eisenbahn bestohlen hat, die dafür sorgen, daß die Ordnung wiederhergestellt wird - diese Geschichte ist nicht ganz frei vom Rührseligen, wohl aber, anders als bei Karl May, frei vom Exotischen, vom Pathetischen und Bombastischen.

          Was Kästner erzählte, spielt sich nicht in fernen Zeiten und Ländern ab, es passierte hier und heute: auf Berliner Straßen und Höfen, also dort, wo wir, seine Leser, uns auskannten. Die Glaubwürdigkeit dieses Buches und natürlich auch sein Erfolgt beruhten auf der Authentizität der Alltagssprache.

          Ähnlich wie Döblin in „Berlin Alexanderplatz“, wie Horváth in seinen frühen Stücken, wie Fallada in seinen besten Romanen und Tucholsky in seinen treffendsten Feuilletons hat sich Kästner an das alte und immer wieder bewährte Rezept gehalten: er hat dem Volk aufs Maul geschaut. Er hat, wie keiner vor ihm, die Alltagssprache der Großstadtkinder belauscht und fixiert. Die Personen, die hier auftreten, sprachen tatsächlich wie wir alle, die wir in der Großstadt aufwuchsen.

          Dieses Buch war die längst fällige Hinwendung der Literatur für Kinder ebenso zur überprüfbaren Realität wie zu realistischen Ausdrucksmitteln. Es entsprach der damals dominierenden literarischen Richtung: „Emil und die Detektive“ ist der Kinderroman der „Neuen Sachlichkeit“.

          Die etwas später geschriebenen Kinderbücher von Kästner, vor allem „Pünktchen und Anton“, haben mir auch gefallen, ohne mich ebenso stark zu beeindrucken. Sein Name freilich war bald nicht mehr zu hören. Als seine Bücher 1933 auf dem Platz vor der Berliner Staatsoper verbrannt wurden, stand er inmitten der vielen Menschen, die Zeuge des in der Neuzeit einzigartigen Schauspiels sein wollten. Gleichwohl blieb er in Deutschland.

          Wenn aber in manchen Nachschlagebüchern der deutschen Exilliteratur Kästner als Emigrant angeführt wird, so hat dies, obwohl falsch, dennoch seine Ordnung: In der Zeit von 1933 bis 1945 hatte er, der Mann zwischen den Stühlen, sich klar entschieden. Nicht er war emigriert, doch waren es seine Bücher - sie konnten damals nur in der Schweiz erscheinen. Erich Kästner war Deutschlands Exilschriftsteller honoris causa.

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