https://www.faz.net/-gr0-6yp14

Fragen Sie Reich-Ranicki : Weit mehr als eine Traditionalistin

  • Aktualisiert am

Sie hat ihre schönsten Bücher erst im Alter geschrieben: Marie Luise Kaschnitz Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Tradition und Konvention darf man nicht verwechseln. Die Dichterin Marie Luise Kaschnitz bekannte sich zur Tradition, Gefälligkeiten sind in ihrem Werk aber nicht zu finden..

          Im Rahmen unserer vierteljährlichen Literaturgespräche befassen wir uns häufig mit Frauenliteratur (das letzte Mal Ilse Aichinger). Können Sie uns Marie Luise Kaschnitz empfehlen, ist sie noch aktuell? Elisabeth Reigl, Icking

          Marcel Reich-Ranicki: Im Mittelpunkt unserer literarischen Öffentlichkeit stand Marie Luise Kaschnitz wohl nie. Dennoch wurde ihr, zumindest seit der Verleihung des Georg-Büchner-Preises im Jahre 1955, viel Aufmerksamkeit zuteil, ihre Geburtstage boten Gelegenheit zu zahlreichen Artikeln, ihre Bücher hat man stets und häufig ausführlich besprochen. Aber kritische Analysen enthielten diese Rezensionen nur selten. Meist waren es respektvolle, wenn nicht enthusiastische Würdigungen. So wurde Marie Luise Kaschnitz gerühmt und gefeiert und doch nicht ganz ernst genommen. Genauer: Man hat sie aufrichtig geschätzt und freundlich geschont.

          Das mochte damit zusammenhängen, dass sie ihre schönsten und wichtigsten Bücher erst im Alter geschrieben hat. Überdies war sie als Dichterin der Tradition gekennzeichnet, was in Deutschland, wo man die Tradition gern mit der Konvention verwechselt, stets etwas zweideutig klingt. Kurz, man hatte es eilig, Marie Luise Kaschnitz schon zu Lebzeiten ins Literarhistorische, ins Museale zu entlassen oder gar in die „Damenliteratur“ abzuschieben.

          Das Erbarmen kam ihr in die Quere

          Aber konventionell ist ihr Werk nicht und damenhaft am allerwenigsten. Mit flauer Versöhnlichkeit, gar mit Gefälligkeit hat es nichts gemein. Sie nahm am literarischen Leben teil - und hat dennoch niemandem nach dem Munde geredet: weder ihren Lesers noch ihren Kollegen, weder den Kritikern noch den Verlegern, von den Politikern ganz zu schweigen.

          Zu den großen Schriftstellern - schrieb sie 1965 - gehöre sie nicht, denn diese seien alle unerbittlich gewesen, ihr aber komme fast immer, wenn sie richtig zuschlagen möchte, ihr Erbarmen mit den Menschen in die Quere. Allerdings trifft das nur auf ihre Geschichten zu. Wenn Marie Luise Kaschnitz in dieser erzählenden Prosa das helle und harte Licht, das alle Einzelheiten sichtbar macht, eher vermieden und manches bewusst ausgespart hat, wenn sie die Konturen gelegentlich verschwimmen ließ - so nur deshalb, weil sie meinte, sie sei verpflichtet, auch die Geschöpfe ihrer Phantasie taktvoll und diskret zu behandeln. Ihr Erbarmen mit dem leidenden Individuum nötigte sie, ihm das Halbdunkel zu gönnen.

          Schmucklose Rede mit sehr viel Charme

          Dies aber hat die Deutlichkeit ihrer Kurzgeschichten nicht beeinträchtigt und deren Qualität keineswegs gemindert. Im Gegenteil: Wir haben es mit einer Epik zu tun, in der das Entscheidende, das Allerwichtigste nicht gesagt, sondern in den Pausen zwischen den Worten verborgen wird. Ob in der Prosa oder in der Lyrik, Marie Luise Kaschnitz vermochte, wie kaum ein anderer Dichter dieser Epoche, das Verstummen auszudrücken und die Lautlosigkeit hörbar werden zu lassen. Sie war eine Meisterin des beredten Schweigens.

          Ihr Alterswerk beweist auch, wie falsch es war, in ihr stets nur die Traditionalistin sehen zu wollen. Kein Zweifel, sie hat in Vers und Prosa an die Tradition angeknüpft und sich immer zu ihren Repräsentanten bekannt. Indes gelang es ihr, das Epigonale, das ihr gelegentlich sanft angekreidet wurde, in den fünfziger Jahren abzustreifen, und sie schrieb Gedichte, deren ungebundene und schmucklose Rede den Lakonismen zum Trotz nichts von ihrem Charme und ihrer Anmut einbüßte und auch nichts duldete, was der damals allgemeinen Vorstellung vom Poetischen entgegengekommen wäre.

          Die Zeitströmungen gelassen ignorierend, schuf sie eine Lyrik, deren Modernität sich niemals dem Modischen näherte. In einem ihrer späten Gedichte findet sich die überraschende Zeile: „Alt sein heißt suchen.“ Bis zum Ende blieb Marie Luise Kaschnitz dieser Devise treu. Es ist sehr bedauerlich, dass die Werke dieser Autorin in der heutigen Zeit nicht mehr so geschätzt werden, wie sie es verdienten.

          Weitere Themen

          Wovor soll ich mich fürchten?

          Lyrik der Sinti und Roma : Wovor soll ich mich fürchten?

          Hier singen die Ausgegrenzten, Besitzlosen und Geflohenen: Eine überfällige Sammlung der Lyrik von Sinti und Roma und anderer Gruppen, die ehedem „fahrendes Volk“ genannt wurden.

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          FAZ Plus Artikel: Darts-WM : Ritter mit Pfeilen

          Der Niederländer Michael van Gerwen hat in den vergangenen Jahren die Dartsszene dominiert. Nun scheint er aber mit dem Denken angefangen zu haben. Das ist ein Problem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.