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Fragen Sie Reich-Ranicki : Viele seiner Gedichte waren schlecht und ärgerlich

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Erlebt Johannes R. Becher eine Renaissance? War Thomas Brasch ein charismatischer Dichter? Sind Sartre und Camus heute noch empfehlenswert? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.

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          Warum greift die Mode um sich, aus Filmen und Romanen Theaterstücke zu basteln? Wollen die Intendanten durch Zweit- und Drittverwertung populärer Stoffe nur die Häuser füllen?
          Volker Hoffmann, Rosbach

          Marcel Reich-Ranicki: Ich glaube nicht an eine solche „Mode“, vielmehr an die nützliche Verwertung von Filmen und vor allem von Romanen auf der Bühne. Ich habe Tolstoi, Dostojewskij, Balzac, Flaubert, Jane Austen, Fontane, Thomas Mann und viele andere Autoren gesehen, die dankbar an ihre Bühnenfassungen dachten.

          Johannes R. Becher erlebt ja momentan eine Renaissance. Ich halte ihn für einen bestenfalls mittelmäßigen Dichter. Seine Gedichte bringen mir weder Genuss noch Erkenntnis.
          Dr. Thorsten Krings, Frankfurt

          Marcel Reich-Ranicki: Von einer „Renaissance“ des Dichters Johannes R. Becher ist mir nichts bekannt. Die weitaus meisten seiner vielen, vielen Gedichte waren ärgerlich und schlecht, manche (verhältnismäßig wenige) hochbeachtlich. Mittelmäßig waren sie nicht. Da sie weder Genuss noch Erkenntnis bringen, schlage ich vor, sich von ihnen sofort abzuwenden und ein Genie der deutschen Lyrik auszuwählen, vielleicht Brecht.

          Der Dichter Thomas Brasch, fotografiert während der Frankfurter Buchmesse 1977
          Der Dichter Thomas Brasch, fotografiert während der Frankfurter Buchmesse 1977 : Bild: wolfgang Haut

          Würden Sie Jean Paul Sartre und Albert Camus jungen Menschen empfehlen?
          Marcus Volz, Darmstadt

          Marcel Reich-Ranicki: Nach wie vor würde ich beide Autoren empfehlen.

          Immer wieder hört man von Ihnen, dass Heinrich Heine ein ganz großer Dichter sei, den man sogar heute mit Gewinn lesen könne. Ich habe mich bemüht, die angeblich großen Leistungen des Autors kennenzulernen, leider immer ohne Erfolg.
          R. Stolz, Neuss.

          Marcel Reich-Ranicki: Mein im Deutschen Taschenbuch-Verlag erschienenes Buch („Der Fall Heine“) sollte Ihnen helfen. Wenn dies nicht der Fall sein sollte, dann verzichten Sie auf diese Verse, die meiner Ansicht nach zu den schönsten in deutscher Sprache gehören.

          Thomas Brasch muss ein sehr charismatischer Mensch gewesen sein. Was halten Sie von seinem Werk?
          Anna Wertheim, Berlin.

          Marcel Reich-Ranicki: Besonders charismatisch war Brasch wohl nicht, aber seine Lyrik hat mich beeindruckt, zumal „Lied“ („Wolken gestern und Regen“), „Schlaflied für K.“ und „Der schöne 27. November“.

          Kann das sein, dass ein Name wie Gerd Gaiser komplett verschwunden ist? Dirk Schneider, Hamburg.

          Marcel Reich-Ranicki: Ja, denn dieser Gaiser war ein Nationalsozialist. Mittlerweile ist er vergessen, glücklicherweise. Wenn Sie über seine leider nicht ganz unbegabten Bücher informiert sein wollen, dann können Sie zu meinem Buch „Deutsche Literatur in West und Ost“ greifen, erschienen 1963 im Verlag R. Piper & Co. Ersparen Sie mir den Aufsatz über Gaiser.

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