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Fragen Sie Reich-Ranicki : Unbarmherziger Moralist

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Er glaubte keinen Augenblick an Gerechtigkeit und Menschlichkeit: Friedrich Dürrenmatt. Marcel Reich-Ranicki über den Schweizer Schriftsteller.

          Was sagen Sie zu Friedrich Dürrenmatt, welche seiner Werke empfehlen Sie? Christian Frevel

          Marcel Reich-Ranicki: Sein Werk läßt sich weder klassifizieren noch etikettieren. Er fiel immer aus den Rollen, auf die man ihn gern beschränken wollte. Häufig bescheinigte man ihm - wenn auch mitunter halb widerwillig -, was man schwerlich leugnen konnte: Humor, Originalität, Einfallsreichtum, handwerkliche Meisterschaft.

          Aber man billigte ihm eher Phantasie als Geist zu, eher Phantasie als Tiefe, eher Esprit als Weisheit. Bisweilen wollte man sich trösten, er sei eben ein skurriler und dickköpfiger helvetischer Naturbursche.

          Raubtierhafte Werke

          Von seinem Großvater, einem Dorfpoeten, habe er gelernt, „daß Schreiben eine Form des Kämpfens sein kann“. Natürlich, Dürrenmatt war ein militanter Schriftsteller. Aber mit der modischen Rebellion und dem branchenüblichen Zorn hatte er nichts gemein. Sein Ärger, sein Grimm und seine Empörung stammten nicht aus der Retorte. Bei ihm ist häufig von Raubtieren die Rede. So bekannte er nicht ohne heitere Resignation, er fühle sich von Mißverständnissen umgeben, „wie ein Raubtier in einem Bau“. Ja, in Dürrenmatts Werken, den bedeutenderen jedenfalls, steckt etwas Raubtierhaftes, eine drohende und gefährliche, eine unberechenbare Kraft. Er ist ein Schriftsteller, der auf der Lauer liegt.

          Seine Motive sind oft brutal und grausam. Auch an geradezu sadistischen oder scheinbar sadistischen Akzenten fehlt es nicht. Obendrein bereitete es ihm ein Vergnügen, sein Publikum zu ärgern, seine Opfer zu quälen. Er gehörte zu den bösen und boshaften Künstlern. Er ließ sich nicht domestizieren. Für ihn war die radikale Herausforderung als literarisches Mittel eine Selbstverständlichkeit, eine sich mit zwingender Notwendigkeit aus seinem Temperament ergebende Folge.

          Moralist wider Willen

          Er glaubte keinen Augenblick an Gerechtigkeit und Menschlichkeit, er kannte keine Barmherzigkeit, er war und blieb unversöhnlich. Das Leben sei - meinte er konsequent, und er zeigte es höchst anschaulich - blind und sinnlos. Es hänge lediglich vom Zufall ab. Spöttisch konstatierte er, man könne gewiß vieles verändern, nur sei dies gänzlich belanglos, weil der Mensch sich nicht verändern lasse.

          Dennoch hat man ihn als einen Moralisten wider Willen bezeichnet. Er selber hat es genauer definiert: Über eine seiner Figuren, den im Mittelpunkt der Komödie „Der Meteor“ (1966) stehenden Dramatiker, heißt es lapidar, er sei „ein Moralist aus Nihilismus heraus“. Dürrenmatt kann nur insofern als Moralist gelten, als er, die Existenz der Moral in unserer heutigen Welt leugnend, schon durch die Entschiedenheit und Hartnäckigkeit dieser Verneinung zu erkennen gibt, daß er sich mit der Abwesenheit der Moral nun doch nicht abfinden könne.

          Manches spricht dafür, daß zu den nicht zahlreichen literarischen Arbeiten, in denen spätere Generationen den Ausdruck der Epoche von 1950 bis 1980 erkennen werden, zumindest drei Werke Dürrenmatts gehören: seine tragische Komödie von der Käuflichkeit des Menschen und von der korrumpierenden Wirkung des Wohlstands („Der Besuch der alten Dame“, 1956), die Parabel von der Bedrohung der Menschheit durch die Zivilisation („Die Physiker“, 1962) und schließlich das von der deutschen Kritik unterschätzte Gleichnis von der Schuld des Individuums (die Erzählung „Die Panne“, 1956).

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