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Fragen Sie Reich-Ranicki : Über Buchgeschenke und den „Goethe Österreichs“

  • Aktualisiert am

Bücher möchte Marcel Reich-Ranicki zu Weihnachten nicht geschenkt bekommen. Fünf Bücher allerdings verschenkt er selbst. Außerdem: Was der Literaturkritiker von Grillparzer, dem „Goethe Österreichs“ hält.

          2 Min.

          Welche Bücher lassen Sie sich dieses Jahr zu Weihnachten schenken, welche verschenken Sie?
          Christian Lötzer, Edertal

          Marcel Reich-Ranicki: Ich bitte meine Freunde, von Buchgeschenken abzusehen. Wohl aber verschenke ich Bücher, und zwar:

          1) Eva Demski: „Von Liebe, Reichtum, Tod und Schminke“. Schöffling & Co., Frankfurt

          2) Wulf Segebrecht: „Was Schillers Glocke geschlagen hat. Vom Nachklang und Widerhall des meistparodierten deutschen Gedichts“. Carl-Hanser-Verlag, München

          3) Carola Stern: „Auf den Wassern des Lebens. Gustaf Gründgens und Marianne Hoppe“. Kiepenheuer & Witsch, Köln

          4) Peter Wapnewski: „Mit dem anderen Auge. Erinnerungen. 1922-1959“. Berlin-Verlag, Berlin

          5) Uwe Wittstock: „Der Familienplanet. Eltern, Kinder, Katastrophen“. C. H. Beck, München

          Was halten Sie von Franz Grillparzer? Wird er seinem Ruf als „Goethe Österreichs“ gerecht?
          Daniel Grittner

          Marcel Reich-Ranicki: Grillparzer war ein selbstquälerischer und melancholischer, ein zwiespältiger und harmoniebedürftiger Dramatiker und Erzähler. Er war Klassiker und Romantiker in einem. Immer wieder bewährte er sich ebenso als Sprachkünstler wie als sensibler Psychologe. Er verband viel Phantasie mit geistreich-analytischen Fähigkeiten. In seinem Werk ähnelt Österreich dem alten Griechenland und Hellas dem modernen Österreich.

          Von seinen Erzählungen ist mir am deutlichsten der von Stifter und Kafka bewunderte „Arme Spielmann“ im Gedächtnis geblieben. Von seinen Dramen schätze und liebe ich vor allem zwei: „Des Meeres und der Liebe Wellen“ (auch unter dem Titel „Hero und Leander“ bekannt). Ich habe diese Tragödie in den dreißiger Jahren mit Paula Wessely gesehen, die in dieser Rolle wunderbar war. Das andere Stück, das mir immer noch interessant vorkommt, ist die „Jüdin von Toledo“, die vor einigen Jahren bei den Salzburger Festspielen mit Susanne Lothar in der Titelrolle aufgeführt wurde.

          Ob diese Dramen noch eine Zukunft auf der Bühne haben, weiß ich nicht, eventuell in Österreich. In den Kanon der deutschen Literatur habe ich neben dem „Armen Spielmann“ auch noch Grillparzers Rede am Grabe Beethovens aufgenommen. Für den Reklamespruch „Österreichs Goethe“, der übrigens dessen Epigonalität akzentuiert, bin ich nicht zuständig. Das müssen die Österreicher unter sich abmachen.

          Warum hat es so lange gedauert, bis Walter Kempowski die verdiente Anerkennung fand?
          Helmut Hofmann, Oberursel/Ts.

          Marcel Reich-Ranicki: Derartige Fragen wiederholen sich - gelegentlich den Büchnerpreis betreffend oder, häufiger noch, den Nobelpreis.

          Darauf kann es nur eine Antwort geben: Weil die Juroren die künstlerische Qualität Kempowskis lange Jahre für nicht ausreichend hielten. Es gibt auch, versteht sich, andere Kriterien, beim Nobelpreis, moralische.

          Die größten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts haben den Nobelpreis nicht erhalten, also beispielsweise Proust, Kafka, Joyce, Brecht. Man kann noch zehn weitere Namen nennen, so etwa die Österreicher Rilke und Musil. Andererseits wurde die Österreicherin Elfriede Jelinek sehr wohl mit diesem Preis ausgezeichnet, was in Mitteleuropa stürmische Heiterkeit ausgelöst hat. Man sollte endlich aufhören, sich über derartiges zu wundern.

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