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Fragen Sie Reich-Ranicki : Stärker als sein Werk wirkt sein Image

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Peter Handke Bild: ASSOCIATED PRESS

Kann man die Schriftsteller Christoph Ransmayr und Peter Handke vergleichen? Marcel Reich-Ranicki über zwei sehr unterschiedliche Figuren unserer Literatur - und darüber, wer von beidem ihm nähersteht.

          Kann man die Schriftsteller Christoph Ransmayr und Peter Handke vergleichen? Wer steht Ihnen näher? Eduard Steininger, Dornbirn

          Reich-Ranicki: Natürlich kann man alle Schriftsteller miteinander vergleichen, zumal wenn sie ungefähr gleich alt sind. Man sollte aber der Frage nicht ausweichen, ob die jeweiligen Vergleiche denn eigentlich zu irgendwelchen Einsichten führen - mögen sie auch minimal sein. Handke wurde 1942 in Kärnten geboren, Ransmayr 1954 in Oberösterreich. Seinen literarischen Weg begann Handke recht effektvoll als „enfant terrible“ in der „Gruppe 47“. Man ließ ihn ausreden, immerhin. Ich kann es bestätigen, ich war bei dem literaturhistorischen Ereignis dabei, nur (höchstens) zwei Meter von Handke entfernt.

          Provokationen fallen bei dem radikalen, oft aggressiven Nonkonformisten bis heute auf - trotz des mittlerweile fortgeschrittenen Alters. Nach anfänglicher Ablehnung des politischen Engagements der Literatur bemühte er sich, zumal in Theaterstücken, den Zusammenhang von Gesellschaft und Sprache aufzudecken. Die erzählenden Schriften Handkes, die Gespür für charakteristische Zeitstimmungen mit stilistischer Reizbarkeit verbinden, sind Selbstfindungsgeschichten. Auch seine Journale bieten vor allem die Selbstanalyse - einschließlich der Hinwendung zum Glauben und, in einer späteren Phase, zur politischen Aktivität.

          In Gero von Wilperts „Lexikon der Weltliteratur“ heißt es, Handke habe in den Balkankriegen 1995 bis 1999 „durch einseitig-schönfärberische Propaganda für Serbien seine Glaubwürdigkeit und sprachliche Sensibilität“ eingebüßt. Dem Leser wird nicht entgangen sein, dass ich hier um eine sachliche Zusammenfassung meiner Gedanken über Handke bemüht bin. Denn ich möchte auf keinen Fall den Verdacht entstehen lassen, dass ich etwa auf seine Äußerungen über mich reagiere.

          Ransmayr ist ein origineller Erzähler. Dank Scharfsinn, dank ungewöhnlicher Phantasie und viel Humor vermag er, historische Fakten und Dokumente auf überzeugende, ja virtuose Weise mit Fiktivem zu verbinden. Sein Talent hat mich am stärksten in dem geradezu spannenden Roman „Die letzte Welt“ beeindruckt, erschienen 1988. Im Mittelpunkt dieses Buches steht der große römische Dichter Publius Ovidius Naso. Seine Lebensgeschichte verknüpft Ransmayr mit Ovids berühmtem Hauptwerk, der großen erzählenden Dichtung „Metamorphosen“. Schon diese Verknüpfung der beiden Handlungsfäden macht die Lektüre zu einem außerordentlichen Vergnügen. Bietet er eine Auseinandersetzung mit der antiken Welt? Ja, das auch, doch vor allem eine witzige und höchst intelligente Auseinandersetzung mit unserer Zeit. Ransmayrs Talent bewährt sich aber auch in Prosastücken, die pfiffig und anmutig zwischen Erzählung und Reportage schwanken.

          Nun war Handke von Anfang an eine Figur nicht nur des literarischen Lebens, sondern auch des Showbusiness. Stärker als seine schriftstellerische Leistung wirkte sein Image. Die Faszination, die er ausübte, ähnelte jener, die von Schlagersängern und manchen Filmschauspielern ausgeht. Sie war in erster Linie das Resultat einer permanenten Selbstpräsentation. Mit alldem hat Christoph Ransmayr nichts gemein. Ist es noch nötig, die Frage zu beantworten, wer mir von diesen beiden Autoren, Handke und Ransmayr, nähersteht? Jedenfalls ist es gut, dass wir in der zeitgenössischen Literatur zwei solche (sehr unterschiedliche) Figuren haben.

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