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Fragen Sie Reich-Ranicki : Sollte Philip Roth endlich den Nobelpreis bekommen?

  • Aktualisiert am

Ein großer amerikanischer Schriftsteller: Philip Roth Bild: ASSOCIATED PRESS

Wo verläuft die Trennlinie zwischen Trivial- und „großer“ Literatur? Sollte der amerikanische Schriftsteller Philip Roth den Nobelpreis erhalten? Wie ist das Werk Wolfgang Borcherts heute einzuschätzen? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.

          Wo verläuft die Trennlinie zwischen Trivial- und „großer“ Literatur? Gibt es das eine oder andere zuverlässige Indiz? Wer entscheidet das eigentlich? Hans Jürgen Knufinke, Eschborn

          Reich-Ranicki: Ein zuverlässiges Indiz, das uns erlaubt, die Trennlinie, von der Sie sprechen, zu erkennen, gibt es sehr wohl: Es ist die Sprache. Nichts unterscheidet den in Süddeutschland und Österreich, glaube ich, doch wohl unterschätzten Novellisten Theodor Storm von den Trivialautoren gegen Ende des 19. Jahrhunderts so eindeutig wie eben der Stil. Über die Zugehörigkeit bestimmter Autoren oder Werke entscheiden diejenigen, die sich öffentlich über Literatur äußern: die Kritiker, die Literaturwissenschaftler, die Literaturhistoriker, die Redakteure.

          Der Schriftsteller Philip Roth hat mit seinen Romanen in Europa ebenso wie in Amerika immer wieder große Erfolge erzielt - und das schon seit vielen Jahren. Sollte er nicht mit dem Nobelpreis geehrt werden?

          Reich-Ranicki: Ja, natürlich sollte er diesen Preis erhalten. Ich habe schon mehrfach darüber geschrieben. Aber das entscheidet die Jury des Nobelpreises. Immer wieder erwartet man von mir, dass ich etwas in dieser Sache tue. Es geht übrigens um den Nobelpreis nicht nur für Roth, sondern auch um den für John Updike. Bitte, lassen Sie mich in Ruhe.

          Aber ich habe für Sie und für alle anderen Bewunderer und Verehrer von Philip Roth und Updike einen sehr ernstgemeinten Vorschlag: Es gibt ein Buch von Volker Hage, dem vorzüglichen Kenner der amerikanische Literatur, mit dem Titel: „John Updike - Eine Biographie“ (erschienen bei Rowohlt in Reinbek bei Hamburg) und ein zweites, ebenfalls von Volker Hage: „Philip Roth. Bücher und Begegnungen“ (Carl-Hanser-Verlag, München).

          Statt Briefe zu schreiben, die nichts bewirken, lesen Sie diese Bücher. Sie informieren uns alle glänzend. Und sie bereiten viel Spaß. Sie erleichtern es uns, den Tag zu erwarten, da endlich Roth und Updike Gerechtigkeit widerfährt.

          Demnächst wird im Suhrkamp-Verlag der Briefwechsel von Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld erscheinen. Ist die Korrespondenz eines Autors für die Bewertung desselben von Bedeutung? Werden Sie den Briefwechsel lesen? Philipp Engel, Bochum

          Reich-Ranicki: Ja, ich werde diesen Briefwechsel lesen. Denn Siegfried Unseld, der große, bisher unübertroffene Verleger, war ein Meister im Umgang mit Schriftstellern. Und Bernhard war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Korrespondenz eines Schriftstellers kann für die Deutung seines Werks sehr wichtig sein, zumal eines Schriftstellers vom Range Thomas Bernhards.

          Sie haben kürzlich „Krieg und Frieden“ und Dostojewskijs „Brüder Karamasow“ zu den Gipfelpunkten der Weltliteratur gezählt. Worin liegt die Einzigartigkeit dieser Romane? Florian Kremer, Köln

          Reich-Ranicki: Bei allen Unterschieden, die Tolstoi von Dostojewskij trennen, vereint sie die unübertroffene Darstellung des seelischen Lebens ihrer zahlreichen Figuren. Wir werden noch oft in dieser Rubrik auf diese Schriftsteller zurückkommen.

          Wie schätzen Sie das Werk Wolfgang Borcherts heute ein? Jutta Schick

          Reich-Ranicki: Man hüte sich, Wolfgang Borchert, wie schon oft geschehen, zu unterschätzen. Er wurde von dem im „Dritten Reich“ verpönten und verbotenen Expressionismus geprägt. Das gilt vor allem für sein Hauptwerk, das Drama „Draußen vor der Tür“. Dieses Heimkehrerstück ist Schrei und Aufschrei, Klage und Anklage in einem, es ist Ausdruck von Verzweiflung der vom Vaterland betrogenen, vom Krieg gemarterten und von der Nachkriegsgesellschaft ausgeschlossenen Generation.

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