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Fragen Sie Reich-Ranicki : Sie lässt sich nur selten auf Begründungen ein

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Elke Heidenreich und Marcel Reich-Ranicki Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Sie hat ihre Schwächen. Nicht nur für manche Bücher, sondern auch in der literarischen Analyse. Im Plädoyer und in der suggestiven Schilderung von Büchern hingegen ist sie eine Meisterin. Marcel Reich-Ranicki über Elke Heidenreich.

          Was halten Sie von Elke Heidenreich? Warum sind die Urteile über ihre Fernseharbeit so widerspruchsvoll?
          Dr.
          Herbert Rehlinger

          Marcel Reich-Ranicki: Ja, es stimmt: Man lobt und tadelt sie, man rühmt sie und verreißt sie. Wenn ihre Sendung „Lesen!“ angekündigt wird, wendet sich ein Teil des Publikums vom Fernsehschirm ab. Aber eine wohl erheblich größere Zahl der Zuschauer schaltet gerade dieses Programm ein. Es hat viele Anhänger, doch auch Gegner. Indes: Ganz gleichgültig redet kaum jemand über diese Sendung. Im Ergebnis ist Elke Heidenreich, bekannt seit Jahren und Jahrzehnten als Kritikerin, Kabarettistin und Rezitatorin, sehr erfolgreich und dies, meine ich, mit gutem Grund.

          Jeder Literaturkritiker hat seine starken und seine schwachen Seiten. Die Analyse eines Romans oder eines Erzählungsbandes gehört nicht zu den starken Seiten ihrer ungewöhnlichen Begabung. Damit mag es zusammenhängen, dass sie der Analyse literarischer Texte in der Regel nur wenig Zeit widmet, ja sie bisweilen einfach ignoriert.

          Wer erfahren möchte, warum ein literarisches Werk künstlerisch beachtlich ist, kommt bei Elke Heidenreich bisweilen nicht auf seine Rechnung: Sie sagt, vor ihr liege ein aufregendes oder amüsantes oder geistreiches oder überflüssiges Buch. Aber sie lässt sich auf die Begründung ihrer Urteile in der Regel nur kurz ein - oder überhaupt nicht.

          Andererseits sollte jede Kritik auch eine Stellungnahme für oder gegen das besprochene Buch bieten. Und die Fernsehzuschauer erwarten, oft ungeduldig, ein entschiedenes Plädoyer, das auf eine möglichst klare Empfehlung oder Warnung hinauslaufen sollte. In diesem Bereich ist Elke Heidenreich geradezu eine Meisterin. Sie befürwortet oder sie lehnt ab - nie redselig, immer knapp, wobei ihr allem Anschein nach das Empfehlen ungleich mehr Spaß bereitet als das Warnen. Sie lässt sich auch hier nur selten auf Begründungen ein.

          Aber ob Elke Heidenreich die von ihr ausgewählten Bücher gefallen oder nicht, sie spricht über diese Bücher mit größter Suggestivität. Und jeder spürt: Recht hat sie oder auch nicht, doch ist sie immer ganz aufrichtig. Die Leser folgen ihren Vorschlägen gern.

          Wie auch immer: Elke Heidenreich steht im Mittelpunkt unseres literarischen Lebens. Und das ist gut so.

          Brauchen wir eine neue Gruppe 47, und wie sollte sie aussehen?
          Julia Hernick, Köln

          Marcel Reich-Ranicki: Seit der Gründung der Gruppe 47 sind sechzig Jahre vergangen. Wird deshalb jetzt in den Zeitungen über eine ähnliche und doch neuartige Schriftstellergruppe in Deutschland diskutiert? Oder hat das vor allem damit zu tun, dass sehr viele Leser, Kritiker und Verleger mit der zeitgenössischen deutschen Literatur unzufrieden sind? Um es gleich zu sagen: Ich habe nichts gegen eine solche Gruppe einzuwenden, die eine Anzahl von teils nur wenig bekannten Autoren vereinen würde. Sie würden sich gewiss von Zeit zu Zeit treffen, um sich gegenseitig ihre Manuskripte vorzulesen und, darauf kommt es an, auch zu kritisieren. Das müssen natürlich die Schriftsteller selber machen, die glauben, eine derartige Gruppe zu brauchen. Heute stellen sich die einen solche Treffen geradezu scheußlich vor, andere möchten die Öffentlichkeit überzeugen, es wäre schon herrlich, wenn es so etwas jetzt wieder gäbe.

          Freunde, fragt nicht die alten Herren, die damals die Gruppe gegründet haben, wie Ihr jetzt vorgehen solltet. Macht es, wie Ihr es für richtig haltet. Die Gruppe 47 war von dem Zeithintergrund in den Nachkriegsjahren abgeleitet, die neue Gruppe sollte natürlich den heutigen Zeithintergrund berücksichtigen.

          Die Kritiker, die Feuilletonisten, die Journalisten werden Euch helfen. Nein, sie werden Euch nicht belehren, wie Ihr es machen sollt, aber sie werden die neue Gruppe aufmerksam beobachten und beurteilen. Und das wird Euch bestimmt eben helfen.

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