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Fragen Sie Reich-Ranicki : Sie konnte hassen wie nur wenige

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Thomas Mann mit seiner Frau Katia und seiner Tochter Erika (rechts) am Stockholmer Flughafen Bild: AP

In ihrer Persönlichkeit fand Gegensätzliches zu einer Einheit: Strenge, Unversöhnlichkeit und Abenteuerlust. Auf die Entscheidungen ihres berühmten Vaters hatte sie einen segensreichen Einfluss. Marcel Reich-Ranicki über Thomas Manns eigensinnige, treue und geliebte Tochter Erika.

          Wie schätzen Sie die Bücher Erika Manns ein und ihre Rolle im Leben ihres Vater? Simone Karlsen

          Reich-Ranicki: Ob Literatur oder Journalismus, Theater oder Film - sie, Erika Mann, war überall zu Hause. Gehörte sie also zu den Glücklichen, den Erwählten? Sie war die Tochter Thomas Manns. Dies aber bedeutet, wenn nicht Glück und Unglück, so doch Gnade und Bürde in einem. Unterschiedliches, ja Gegensätzliches hat in ihrer Person zu einer Einheit gefunden: Bayerisches mit Preußischem, die Schwäche für die Boheme mit Strenge und Kompromisslosigkeit, die Sehnsucht nach Abenteuern mit Selbstdisziplin. Lieben konnte sie, aber beliebt war sie nicht. Und sie konnte hassen wie nur wenige.

          Als sie 1933 Deutschland verlassen hatte, wagte sie es, im April in aller Heimlichkeit nach München zu fahren: Sie war mutig genug, Manuskripte und verschiedene andere wichtige Papiere ihres Vaters zu retten. Wo in späteren Jahren gekämpft wurde und wo es gefährlich war, da war sie als Berichterstatterin an Ort und Stelle: im Spanischen Bürgerkrieg, 1940 bei den Bombenangriffen in London, 1943 am Persischen Golf, 1944 in Frankreich, Belgien und Holland. Als sie gegen Ende des Krieges in amerikanischer Uniform nach Deutschland kam, soll sie, damals noch nicht vierzig Jahre alt, schön wie eine Kriegsgöttin gewesen sein und herrisch wie eine Amazonenkönigin. Doch mit Amazonen - Kleist hat es uns ja hinreichend deutlich gezeigt - ist nicht gut Kirschen essen. Von Gnade und Barmherzigkeit wollte Erika Mann nichts wissen, Sündern zu vergeben, war sie nicht imstande. Was immer geschah und wem immer sie begegnete, sie blieb so unduldsam wie unversöhnlich.

          Von der Amazone zur Rachegöttin

          Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Erika Mann im Laufe der Jahre gleichfalls ihre Rolle gewechselt hat: Aus der Amazone wurde eine Erinnye. Das gilt auch für ihre Äußerungen über Gustaf Gründgens, den sie im Alter von zwanzig Jahren geheiratet und von dem sie sich 1929 wieder getrennt hatte.

          Auf die wichtigen Entscheidungen ihres Vaters hat Erika Mann einen unmittelbaren Einfluss ausgeübt - und es war alles in allem ein kluger, ein segensreicher Einfluss. Ihr haben wir es zu verdanken, dass Thomas Mann 1933 nicht nach Deutschland zurückgekehrt ist und sich in aller Öffentlichkeit vom Dritten Reich distanziert hat. Auch in den folgenden Jahren war sie die treibende Kraft: ebenso bei der Übersiedlung der Eltern in die Vereinigten Staaten (1938) wie bei der Rückkehr nach Europa (1952). Sie wurde Thomas Manns Helferin - und sie widmete sich dieser Aufgabe mit Besessenheit. Über ihren Anteil an der Endfassung des „Doktor Faustus“ hat der Autor uns selber informiert. Aber es war dieser hochbegabten Frau nicht gegeben, in Frieden mit sich selber zu leben. Die man einst aus Deutschland vertrieben hatte, ist eine Getriebene geblieben. Gleichwohl blieb sie Thomas Manns dankbare, treue und geliebte Tochter.

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