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Fragen Sie Reich-Ranicki : Shakespeare hat alles besser gemacht

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War Schiller tatsächlich humorlos - und kann man seine Stücke mit denen William Shakespeares vergleichen? Marcel Reich-Ranicki gibt die Antwort. Außerdem: ein Nachtrag zu Patrick Süskind.

          Ich habe viele Briefe aus Essen, Düsseldorf, Wuppertal und anderen Städten erhalten. Ich werde darauf hingewiesen, dass in diesen Orten Süskinds „Kontrabass“ sehr wohl auf der Bühne zu sehen ist. Die Briefe betrüben und freuen mich zugleich. Sie betrüben mich, weil ich mich geirrt habe; freilich: Es irrt der Mensch, solang er strebt. Sie freuen mich, weil sie beweisen, dass ich zahlreiche aufmerksame Leser habe und dass das Stück von Patrick Süskind keineswegs von der Bühne verschwunden ist. M. R.-R.

          Nennen Sie mir bitte drei Tragödien von Shakespeare, die Ihnen besonders nahe stehen - und zwei Komödien. Günter Lewin, Berlin

          Reich-Ranicki: Hamlet“, „Romeo und Julia“, „Julius Cäsar“. - „Was ihr wollt“, „Wie es euch gefällt“.

          In letzter Zeit wurden in London zwei Dramen von Schiller aufgeführt: „Don Carlos“ und „Maria Stuart“. Ich habe bei Schiller keinen Humor gefunden, kein Lachen und Weinen, das es bei Shakespeare gibt, also keinen Falstaff auf dem Schlachtfeld und keinen Totengräber am Grab Ophelias. Ist das meine Schuld, oder habe ich recht? John Grey, Brighton

          Reich-Ranicki: Am 29. September 1972 fand im Frankfurter Schauspielhaus die deutsche Erstaufführung des Stücks „Lear“ von Edward Bond statt. Nach der Vorstellung (noch wurde geklatscht) traf ich auf den Stufen, über die man in diesem Theatersaal zum Ausgang kommt, meinen gelehrten Freund und vorzüglichen Kollegen Hellmuth Karasek, der, anders als Schiller und ähnlich wie Shakespeare, ein Mann mit Humor ist. Er stand trotzig da, sah mich grimmig an und war, so schien mir, zum Kampf bereit. Es wird schlimm werden - dachte ich mir -, aber zwischen uns sei Wahrheit.

          Ich sagte: „Ihnen hat das wohl gefallen.“ Er antwortete knapp: „Ja.“ Ich versuchte ihm zu erklären, warum es mir missfallen habe. Da sei, beispielsweise, die Szene mit der Blendung des Gloster. Die hat Shakespeare im „König Lear“ besser gemacht. Karasek unterbrach mich sofort und schroff. Wütend sagte, nein, rief er: „Shakespeare hat alles besser gemacht.“ Es verschlug mir die Sprache. Mir passierte, was mir selten passiert: Ich blieb stumm, mindestens zehn Sekunden. Ich spürte, dass ich einen großen Augenblick erlebt hatte. Diese fünf Worte meines gelehrten Kollegen würde ich gewiss nie vergessen.

          Ja, Shakespeare hat alles besser gemacht. So ist es immer sinnlos und zwecklos, ihn gegen einen anderen Autor ausspielen zu wollen. Schiller war ein großer Dramatiker, doch leider stimmt es: Humor kann man ihm tatsächlich nicht nachrühmen. Dennoch ist es zumindest verwunderlich, dass der „Don Carlos“ von 1787 und die „Maria Stuart“, die 1800 uraufgeführt wurde, so spät in England zur Kenntnis genommen wurden.

          Aber es ist höchst erfreulich, dass schließlich beide Stücke in London gespielt und offensichtlich anerkannt wurden. Und niemand war, soweit ich informiert bin, erstaunt, dass sich Schiller mit Shakespeare nun doch nicht vergleichen lasse.

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