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Fragen Sie Reich-Ranicki : Sein Werk durchziehen Widersprüche

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Franz Werfel Bild:

Wird Franz Werfel überhaupt noch gelesen? Welchen literarischen Stellenwert hat er? Marcel Reich-Ranicki über einen Frühvollendeten und ewigen Neubeginner, einen naiven Sänger und raffinierten Artisten.

          Wird Franz Werfel überhaupt noch gelesen? Welchen literarischen Stellenwert geben Sie ihm?

          Reich-Ranicki: Daß Werfel immer noch viel gelesen wird, dessen bin ich ziemlich sicher. Wenn Sie genaue Auskünfte haben wollen, müssen Sie sich an den S.-Fischer-Verlag in Frankfurt wenden. Sein riesiges und freilich auch sehr ungleiches Werk sprengt alle Rahmen. Seine Romane und Erzählungen, Gedichte und Dramen lassen sich auf keinen gemeinsamen Nenner bringen.

          Oft wurde Werfel als der größte Lyriker des deutschen Expressionismus gerühmt. Zugleich entdeckte man in seiner Dichtung impressionistische Elemente. Man sah in ihm die Wiederverkörperung des österreichischen Barocks - und doch war immer wieder von seinem Hang zur Romantik die Rede. Auf jedem Abschnitt seines künstlerischen Wegs gab es für ihn mehrere, zumindest aber zwei Möglichkeiten. In allem, was er geschrieben hat, machen sich Gegensätze bemerkbar, sein Werk durchziehen Widersprüche jeglicher Art.

          Fasziniert vom Katholizismus

          Er war Jude. Doch er liebte das Christentum. Von früher Jugend faszinierte ihn der Katholizismus. Aber Werfel distanzierte sich niemals vom Judentum. Schon der Prager Gymnasiast erwies sich als ein reifer Schriftsteller. Und noch dem Fünfzigjährigen, dem Weltberühmten, sagten seine Freunde etwas Kindliches nach. Er war ein Frühvollendeter und ein ewiger Neubeginner, ein naiver Sänger - und trotzdem ein raffinierter Artist; ein religiöser Rebell und doch ein Lebenskünstler und Genießer; ein Enthusiast und Skeptiker in einem, ein Mystiker, der dennoch mitten im Leben stand.

          Avancierten die einen ihn zum Propheten, so degradierten ihn die anderen zum Kunstgewerbler. In der Tat trifft es zu, daß Werfel ein subtiler Künstler und bisweilen, vor allem in seinen späteren Romanen, auch ein Routinier war. Obwohl einer der vornehmsten Poeten seiner Zeit, wollte er doch auf grelle Effekte nicht verzichten.

          Die Liebe zur Musik

          Nach dem Ersten Weltkrieg lebte Werfel in Wien, dort, in der Näher Sigmund Freuds, von dem er viel zu lernen vermochte, entstanden jene Prosawerke, die ihn als gewandten Zeitschilderer und als vorzüglichen Seelenanalytiker auswiesen: die Erzählungen „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig“ und „Der Tod des Kleinbürgers“ sowie die Romane „Der Abituriententag“ und „Barbara oder die Frömmigkeit“.

          Aus diesen Jahren stammt auch der Roman seiner großen Leidenschaft - der Liebe zur Musik. Denn auch das gehört zu den Widersprüchen in der Persönlichkeit des Dichters: Seine tiefste Neigung galt nicht der Literatur, sondern der Musik.

          Aufschlußreich ist überdies, daß ihn in der ganzen Welt der Musik nichts so bezauberte wie die Oper, zumal die italienische. Der Opernfreund verdankt der Liebe Werfels sehr viel, unter anderem nicht nur eine Ausgabe der Briefe Verdis, sondern auch das Buch „Verdi - Roman einer Oper“, in dessen Mittelpunkt Begegnungen zwischen Wagner und Verdi stehen.

          Den Reichtum und die Vielschichtigkeit der Werfelschen Epik ahnt man, wenn man neben den „Verdi“ sein bedeutendstes Werk der dreißiger Jahre stellt, den Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“. Als das Buch 1933 erschien, hatte es zunächst überrascht und befremdet: Das Thema - Werfel erzählt von der Verfolgung und der Vernichtung der armenischen Christen in der Türkei während des Ersten Weltkriegs - wurde damals eher als abseitig empfunden.

          Nur wenige Jahre später hatte der Roman eine grausige Aktualität gewonnen: Die Geschichte der „Vierzig Tage des Musa Dagh“ las sich wie eine das Schicksal der Juden unter der nationalsozialistischen Herrschaft voraussehende Parabel.

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