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Fragen Sie Reich-Ranicki : Schreiben als Empörung

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Thomas Bernhard Bild: picture-alliance/ dpa

Worin die Bedeutung des Romans „Holzfällen“ und seines Autors Thomas Bernhard liege, wurde Marcel Reich-Ranicki gefragt. Der Literaturkritiker über einen großen Dichter der Verstörung und der Zerstörung.

          Sie haben in Ihren Kanon den Roman „Holzfällen“ von Thomas Bernhard aufgenommen. Was ist das Besondere an diesem Roman, und wo liegt die Bedeutung Thomas Bernhards für unsere Zeit?
          Hilke und Thomas Meffert, Ettlingen

          Marcel Reich-Ranicki: Der große Österreicher Thomas Bernhard, der 1989 im Alter von 58 Jahren gestorben ist, war unheilbar krank. Er konnte nur mit seiner Krankheit oder gegen sie leben, also angesichts des Todes oder gegen den Tod.

          Er konnte nicht existieren, ohne zu schreiben; und er wollte nicht schreiben, ohne sich gegen das Elend seiner und unserer Existenz zu empören. Aber zunächst einmal zeichnen sich Bernhards Romane, Erzählungen und Theaterstücke durch ihre schroffe, ihre hochmütige Unvollkommenheit aus. Die Vorstellung, es sei seine Aufgabe, etwas Perfektes zu liefern oder auch nur anzustreben, hätte er mit Sicherheit als absurde Zumutung empfunden oder gar als Unverschämtheit zurückgewiesen. Seine Theaterstücke bestehen aus Monologen, seine Geschichten sind Romanfragmente, seine Romane erweisen sich als lange Erzählungen. Und allesamt sind sie Bruchstücke einer einzigen Rebellion.

          In allem, was er publizierte, manifestiert sich seine Selbstverteidigung. Darüber hinaus verfolgen diese Arbeiten keine Absicht, sie haben kein Ziel und keinen Zweck, sie entspringen keiner Idee und keinem Programm. Bernhard wollte nichts verändern, er gehörte nicht zu den Aufklärern, er war kein Weltverbesserer. Den Gedanken, der Mensch sei erziehbar, hielt er bestenfalls für läppisch. In seinem letzten, erst postum veröffentlichten Interview sagte er knapp: „Ich glaub' an gar nichts.“ Diese Rebellion war sich selbst genug, sein Werk ist enragiert, doch niemals engagiert.

          Es ist eine alte Wahrheit: Im Grunde kennt die Literatur nur zwei große Themen - die Liebe und den Tod. Doch die Liebe vermochte den Schriftsteller Thomas Bernhard nie zu interessieren, er wollte sich nicht mit ihr beschäftigen. Gewiß, er hat seinen Großvater, von dem er betreut und erzogen wurde, geliebt; und auf seine vertrackte Weise liebte er auch viele Jahre lang eine erheblich ältere Frau, die er seinen „Lebensmenschen“ nannte - und wiederum handelte es sich um eine Person, von der er betreut wurde. Aber er war ein Nicht-Erotiker, das Sexuelle gab es in seinem Leben kaum oder überhaupt nicht. Er selber hat dies in einem Fernseh-Interview unmißverständlich als eine Folge jener schweren Krankheit gedeutet, an der er als Achtzehnjähriger beinahe gestorben ist.

          Er war denn auch, in dieser Hinsicht mit Kafka vergleichbar, kein Dichter der Liebe. Ja, nicht einmal die Sehnsucht nach der Liebe, vor der sich Kafka, wie wir aus seinen Briefen an Felice und an Milena wissen, ein Leben lang verzehrte - Bernhard kannte sie nicht, jedenfalls ist sie in seinem Werk nicht zu sehen und nicht zu spüren. Frauen spielen in diesem Kosmos nur eine untergeordnete Rolle, es sind, zumal in seinen früheren Büchern, verkrüppelte und böswillige Menschen.

          Ein Leben also ohne Erotik? Nicht einmal ein Gott konnte und wollte sich damit abfinden. Aus Jupiters Mund (in Kleists „Amphitryon“) kommt die Klage: „Ach Alkmene, auch der Olymp ist öde ohne Liebe.“ Bernhard, der Einsame und Unglückliche, dem das Leben soviel versagt und verweigert hat, der kein Sänger des Mitleids war, vielmehr ein Dichter der Verstörung und der Zerstörung, des Verfalls und des Zerfalls, der Auflösung und der Auslöschung, auch er, der Unbarmherzige und der Unerbittliche, der ohne Grausamkeit nicht auskommen konnte und der bei der Grausamkeit Schutz suchte vor der Welt, auch er war, je älter er wurde, desto mehr auf Herzlichkeit, auf Zuneigung angewiesen.

          In seinem Spätwerk ist manch eine Figur in ein milderes und freundlicheres Licht getaucht. Doch sind es in diesen Büchern beinahe immer Männer, die er zärtlich betrachtet und liebevoll zeichnet, in der Regel Künstler und Intellektuelle, die wie er zu den Verdammten und zugleich zu den Auserwählten gehören. In ihnen entdeckt Bernhard seine Brüder.

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