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Fragen Sie Reich-Ranicki : Man riecht immer das Parfüm

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Stefan Zweig war ein Leben lang unter dem Einfluss einer riskanten Illusion: Die Porträts insgesamt ergeben, glaubte er, ein Bild der Welt, eine treffende Abbreviatur. Doch es gibt keine Erlösung durch die Psychologie, meint Marcel Reich-Ranicki.

          Welchen Stellenwert weisen Sie dem literarischen Werk von Stefan Zweig zu, zumal seinen erzählerischen Arbeiten? Dr. Uwe Wolfradt, Halle (Saale)

          Reich-Ranicki: Vor einer Woche habe ich an dieser Stelle über Stefan Zweig geschrieben und am Ende angekündigt, demnächst noch einmal über ihn zu schreiben und dann vor allem auf seine erfolgreichen Novellen einzugehen. Sie sind es, die offensichtlich unsere Leser am meisten interessieren.

          Zunächst: Ein ungewöhnlich anschauliches und nach wie vor sehr lesenswertes Buch ist Stefan Zweigs Autobiographie „Die Welt von gestern“, die noch während des Krieges entstanden, aber erst nach Zweigs Tod erschienen ist.

          Lesenswert ist auch Zweigs letztes, nicht von ihm selber abgeschlossenes Buch - die Monographie über Balzac. Die Kenner der französischen Literatur nehmen es nicht ernst, was leider seine Gründe hat. Es hat den Fehler nicht weniger Bücher Stefan Zweigs: Es ist zwar sehr unterhaltsam, doch nicht ganz seriös.

          Der Held der meisten Novellen Zweigs ist ein Mensch, dessen Psyche ganz normal zu sein scheint. Doch irgendein Ereignis - häufig ist es eine unerwartete Begegnung - macht einen bisher verborgenen Komplex dieses Menschen sichtbar, einen Komplex, dessen Entladung die seelische Deformation dieses Helden zum Vorschein kommen lässt.

          In vielen Novellen Zweigs handelt es sich eindeutig um einen erotischen Komplex - so im „Amokläufer“, der Geschichte eines Arztes, der nach einer Unterschlagung nach Indochina flieht, wo er in den Bann einer hochmütigen Frau gerät. Diesen Arzt lässt Zweig sagen: „Rätselhafte psychologische Dinge haben über mich eine geradezu beunruhigende Macht, es reizt mich bis ins Blut, Zusammenhänge aufzuspüren, und sonderbare Menschen können mich durch ihre bloße Gegenwart zu einer Leidenschaft des Erkennenwollens entzünden, die nicht viel geringer ist als jene des Besitzenwollens bei einer Frau.“ Das sagt eine Figur, gewiss, aber es kann keinen Zweifel geben, dass wir es mit einer Selbstcharakterisierung Zweigs zu tun haben.

          In der Novelle „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“ wird der erotische Wahn am Beispiel einer vornehmen Dame gezeigt, die auch eine vorbildliche Mutter ist. Im „Brief einer Unbekannten“ ist es die Geschichte einer Frau, die seit ihrer frühesten Jugend einen Nachbar, einen bekannten Schriftsteller, liebt. Diese Liebe führt zu einem pathologischen Zustand und schließlich zum Selbstmord.

          Neben den erotischen Motiven spielt in Zweigs Werk der Minderwertigkeitskomplex eine große Rolle - etwa in solchen Novellen wie „Leporella“ und „Untergang eines Herzens“. Besonderes Interesse Zweigs gilt einseitigen Menschen, oft von intensiver Begabung („Die unsichtbare Sammlung“, „Schachnovelle“). Immer bieten Zweigs Novellen vor allem ein Porträt der zentralen Figur. Die psychologische Analyse ist Ziel und Zweck jeder dieser Erzählungen. Viele sind freilich am Ende zumindest etwas enttäuschend. Nach der Lektüre sogar der glänzend geschriebenen „Schachnovelle“ drängt sich die einfache Frage auf: „Na und?“ Die unzweifelhaft spannende Novelle gibt keinen Anlass zu tieferen Überlegungen. Anders konnte es nicht sein, denn Zweig war ein Leben lang unter dem Einfluss einer riskanten Illusion: Die Porträts insgesamt ergeben, meinte er, ein Bild der Welt, eine treffende Abbreviatur. Das ist ein Missverständnis, das den Novellen Zweigs zugrunde liegt. Denn es gibt keine Erlösung durch die Psychologie.

          In vielen Arbeiten Zweigs ist seine glänzende Beherrschung des literarischen Handwerks unverkennbar. Über seine Sprache kann man viel Gutes sagen, doch lässt sich nicht verschweigen, dass sein Deutsch etwas redselig ist und gelegentlich beinahe geschwätzig. Allzu deutlich ist die Bemühung des Autors um eine möglichst gefällige Prosa.

          In seinen frühen Erzählungen störe ihn, bemerkte einmal Stefan Zweig, der Duft des parfümierten Papiers. Mit der Zeit wurde dieser Duft diskreter und subtiler, er lässt an edelstes Parfüm denken, aber doch immer an Parfüm.

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