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Fragen Sie Reich-Ranicki : Ist der „Lenz“ besser als der „Tod in Venedig“?

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Ist Georg Büchners Fragment „Lenz“ besser als Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“? Oder kann man sie nicht miteinander vergleichen? Wir fragen Marcel Reich-Ranicki.

          2 Min.

          Zum wiederholten Male lese ich Georg Büchners wunderbares Fragment "Lenz". Ich halte diesen Text schlicht und einfach für das beste Stück Prosa, das je in deutscher Sprache geschrieben wurde, noch vor Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig": Können Sie meine Euphorie vielleicht auch ein bißchen teilen? Gert Hirchenhain, Fuldabrück

          Reich-Ranicki: Aber ja, selbstverständlich, ich schließe mich Ihrer Begeisterung gerne an. Auch ich habe gelegentlich in langen nächtlichen Gesprächen mit Freunden - es ist beinahe siebzig Jahre her - stolz und kühn und keinen Widerspruch duldend verkündet, der "Lenz" sei das allerbeste deutsche Prosastück, ja, ich habe es sogar riskiert zu behaupten, auf der ersten Seite des "Lenz" beginne - und zwar mit dem Satz "Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte" - die moderne deutsche Literatur, jedenfalls die erzählende Prosa. Kurz und bündig: Wir sind uns einig und lassen uns unser Büchner-Glück von Nörglern, Spießbürgern und Analphabeten nicht verderben. So weit, so gut. Wirklich? Nein, so weit, so schlecht.

          Zunächst einmal: Superlative in Sachen Literatur oder Musik provozieren beinahe immer erregte Proteste. Ich weiß das, weil ich Superlative liebe. Es genügt, in Gesellschaft zu sagen, der größte Komponist aller Zeiten sei Bach, und gleich meldet sich jemand, der mit nachdenklicher und lächelnder Milde den Namen "Mozart" nennt, während ein dritter in der Runde mit stirnrunzelnder Erhabenheit für Beethoven plädiert. Unter uns und ganz vertraulich: Alle drei haben recht, und die Diskussion, wem denn nun die Palme gebührt, ist vielleicht doch ein wenig läppisch, der Wettstreit hat keinen Sinn, auch nicht in der Literatur.

          Ich sage gern, bisweilen um Gesprächspartner zu ärgern, der bedeutendste deutsche Erzähler des zwanzigsten Jahrhunderts sei Thomas Mann, oder ich gehe gleich aufs Ganze: Er sei der bedeutendste Prosaist seit 1832 - und sofort wird mir geantwortet, mitunter sogar im Chor: Nein, der Kafka. Ich amüsiere mich, widerspreche natürlich nicht und bin froh, daß wir zwei solche Kerle, nein, zwei solche Gentlemen haben - wie den aus Lübeck und den aus Prag.

          In der deutschen Poesie des zwanzigsten Jahrhunderts sieht dieses harmlose Gesellschaftsspiel ähnlich aus. Ich liebe am meisten (und zwar seit meiner Jugend) den Lyriker Brecht. Manche ältere Leute wenden sich mit Grauen ab ("Er war doch Kommunist!") und erklären, etwas feierlich: Rilke, Rainer Maria. Und immer bekennt sich jemand schwärmerisch (reifere Damen nicht selten mit Augenaufschlag) zu einem großen Jugenderlebnis - nämlich jenem mit Namen Benn. Dagegen ist nichts einzuwenden, nur sollte man sich unbedingt hüten, den einen gegen den anderen auszuspielen.

          Ich habe mal in einer Opernpremiere in der Pause mit einer etwas dümmlichen Gattin eines unserer Politiker Konversation machen müssen. Small talk ist nicht meine starke Seite, also fiel mir nichts anderes ein, als sie zu fragen, welche die erste Oper in ihrem Leben gewesen sei. Es war "Boheme". Ich sagte, daß ich diese Oper ganz besonders liebe und, wenn Mimi stirbt, jedes Mal weine, garantiert. Die Dame aber erwiderte mir: Die "Matthäus-Passion" ist doch besser. Ich wurde beinahe ohnmächtig und meinte nicht eben schüchtern, auch Luthers Bibelübersetzung übertrumpfe die Romane von Marcel Proust.

          Hier liegt der Hase im Pfeffer: Man darf nicht Unvergleichbares miteinander vergleichen. Die "Matthäus-Passion" ist weder besser noch schlechter als Puccinis "Boheme". Es ist etwas ganz anderes. So ist auch jeder Vergleich des "Lenz" mit dem "Tod in Venedig" sinnlos. Büchners Prosastück entstand 1836, Thomas Manns Novelle 1912. Beide Werke stammen somit aus ganz verschiedenen Epochen. Schon dieser Umstand macht eine Qualitäts-Rangfolge im Stile unserer Bestsellerlisten unmöglich. Natürlich kann man sagen, dieses Werk beeindruckt mich mehr, jenes weniger. Das ist eine persönliche Ansicht, aber nicht unbedingt ein Qualitätsurteil.

          Da der Büchner-Enthusiast aus Fuldabrück offenbar eine Schwäche für kleinere epische Formen hat, will ich ihm rasch zwei nach 1945 geschriebene Erzählungen empfehlen: "Jugend" von Wolfgang Koeppen und "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen" von Heinrich Böll.

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