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Fragen Sie Reich-Ranicki : Immerhin: Er stritt mit Thomas Mann

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Exil oder innere Emmigration? Ein Briefwechsel mit Thomas Mann zu diesem Streitpunkt hatte Gerd Gaiser bekannt gemacht. Als Autor ist Gaiser, ebenso wie Frank Thiess, mittlerweile vergessen. Zu Recht, wie Marcel Reich-Ranicki erklärt.

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          Warum sind Schriftsteller wie Gerd Gaiser oder Frank Thiess heute zu Recht vergessen?
          Volker Hoffmann, Rosbach

          Marcel Reich-Ranicki: Auch mir will es scheinen, dass Gaiser und Thiess mittlerweile vergessen sind und tatsächlich zu Recht. Aber es sind zwei ganz verschiedene Fälle.

          Frank Thiess, der von 1890 bis 1977 lebte, wurde als Autor effektvoller, allzu effektvoller und geschickt komponierter Romane schon vor dem Krieg berühmt. Einen, „Die Verdammten“, habe ich in meiner Jugend gelesen. Er hat mich nicht gelangweilt, nur fand ich ihn oberflächlich und letztlich allzu belanglos. Das kurz nach dem Krieg erschienene zweibändige (!) Werk über Caruso und einige weitere Romane habe ich nie in der Hand gehabt. Wozu sollte man ein solches Riesenwerk über einen Tenor lesen?

          Ins Gespräch kam Thiess nicht durch ein Buch, sondern durch einen in Zeitungen gedruckten Briefwechsel mit Thomas Mann. Es ging um das „Dritte Reich“ und - unter anderem - um die Situation und die Rolle der deutschen Schriftsteller zwischen 1933 und 1945.

          In dieser heftigen und sehr aufschlussreichen, auch heute lesenswerten Auseinandersetzung war ich, das wird niemanden wundern, auf der Seite nicht von Thiess, der die „innere Emigration“ - er hat den Begriff geprägt - verteidigte, sondern selbstverständlich auf der Seite dessen, der die Exilliteratur repräsentierte, also auf der von Thomas Mann.

          Mit Gerd Gaiser, geboren 1908 und gestorben 1976, habe ich mich in einem ausführlichen Kapitel meines Buches „Deutsche Literatur in West und Ost“ (1963) beschäftigt. Wer an Gaiser interessiert ist, wird hier wohl finden, was er sucht. Ich jedenfalls werde nach 42 Jahren nicht noch einmal die meist ziemlich scheußlichen Bücher von Gaiser lesen - und das müsste ich, wollte ich heute noch einmal über ihn schreiben. Wir leben ja, ich wiederhole mich, in einem freien Land.

          Bei dieser Gelegenheit: Ich erhalte von Zeit zu Zeit Briefe, ich solle in unserer Rubrik nicht meine eigenen Bücher empfehlen. Diese Leser sind mir unbegreiflich.

          Wenn sie mein Urteil über einen Autor hören wollen, habe ich doch nur zwei Möglichkeiten: entweder etwas Neues über diesen Autor zu schreiben (dazu habe ich im Fall Gaiser keine Lust, und ich lasse mich nicht dazu zwingen) oder, die andere Möglichkeit, auf eine frühere Arbeit von mir hinzuweisen.

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