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Fragen Sie Reich-Ranicki : Gegen die heiligen Gesetze des Fernsehens

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Mit Neu-Jurorin Iris Radisch (links unten) und Gast Elke Heidenreich im Jahr 2000 Bild: picture-alliance / dpa

Ob er Lust habe, für das ZDF eine regelmäßige Literatursendung zu erfinden und zu organisieren, fragten die beiden Herren vom ZDF Marcel Reich-Ranicki. Der Kritiker antwortete: „Nein.“ Doch dann kam alles anders.

          Ob er Lust habe, für das ZDF eine regelmäßige Literatursendung zu erfinden und zu organisieren, fragten die beiden Herren vom ZDF Marcel Reich-Ranicki. Der Kritiker antwortete: „Nein.“ Dann stellte er seine Bedingungen.

          Wie kam es, dass Sie vor vielen Jahren das „Literarische Quartett“ begründeten? Siggurd Feddersen, Osnabrück

          Im Sommer 1987 besuchten mich zwei gebildete Herren vom Zweiten Deutschen Fernsehen. Der eine, Johannes Willms, war später Feuilletonchef der „Süddeutschen Zeitung“ und gehört längst zu den bekanntesten und vorzüglichsten Kulturjournalisten Deutschlands. Er hat nur einen kleinen Fehler: Er beschwert sich etwas zu oft, dass ich seine Rolle bei der Entstehung des „Literarischen Quartetts“ etwas zu klein und die meinige etwas zu groß dargestellt hätte.

          So ist dieser sehr sympathische Herr Willms: Manchmal macht er sich freundliche Gedanken über Napoleon und manchmal etwas unfreundliche über mich. Die Herren tranken Tee und tranken Schnaps und waren in guter Laune. Es dauerte lange, bis sie, vielleicht vom Alkohol ermutigt, endlich mit der Sprache herausrückten. Ob ich Lust hätte, für das ZDF eine regelmäßige Literatursendung zu erfinden und zu organisieren? Ich sagte: Nein. Aber die Herren überhörten meine Antwort. Vielmehr wollten sie gleich wissen, wie ich mir eine solche Sendung vorstelle. Ich dachte mir: Ich werde verschiedene Bedingungen stellen, bis die Herren resigniert aufgeben. Es solle, sagte ich provozierend, mindestens sechzig Minuten dauern, besser 75. Teilnehmen sollten, von mir abgesehen, nur noch drei Personen, auf keinen Fall mehr. Ich müsste zwei Funktionen ausüben, also Gesprächsleiter sein und zugleich einer der vier Diskutanten.

          Nichts zu verlieren, viel zu gewinnen

          Wenn ich das mir überflüssig scheinende Gespräch beenden wollte, dann musste ich jetzt ein besonders schweres Geschütz auffahren. In dieser Sendung, sagte ich, dürfe es keinerlei Bild- oder Filmeinblendungen geben, keine Lieder oder Chansons, keine Szenen aus Romanen, keine Schriftsteller, die aus ihren Werken vorläsen oder, in einem Park spazieren gehend, diese Werke gültig erklärten. Auf dem Bildschirm sollten bei uns ausschließlich jene vier Personen zu sehen sein, die sich hier über Bücher äußern und, wie zu erwarten war, auch streiten würden.

          Nur wer das Fernsehen kennt, weiß, wie die beiden Herren gelitten haben. Denn das oberste, das heiligste Gesetz des Fernsehen ist die fortwährende Dominanz des Visuellen. Ich habe es gewagt, gegen dieses Gesetz munter zu rebellieren. Werden sie erblassen oder gleich ohnmächtig werden. Aber es kam anders: Die Herren Willms und Schwarzenau atmeten durch die Nase tief ein, tranken noch einen Schnaps und erklärten leise: „Einverstanden“.

          Während dieses Gesprächs fragte ich mich insgeheim, ob in dem überraschenden Angebot vielleicht eine Chance verborgen sei - die Chance, etwas für die Literatur zu tun, zumal für ihre Verbreitung. Einen Versuch sollte man wagen. Denn zu verlieren gab es nichts und zu gewinnen vielleicht, wer weiß, nicht wenig.

          Am 25. März 1988 wurde die Sendung zum ersten Mal ausgestrahlt: „Das literarische Quartett“. Einer meiner berühmten Kollegen urteilte knapp: Das Ganze sei bereits gestorben, es sei eine Totgeburt. Aber es ist, wie man weiß, anders gekommen.

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