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Fragen Sie Reich-Ranicki : Fragwürdige Figur mit etwas Seltenem: Format

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Er hat nicht wenige missratene Artikel geschrieben. Und doch war er ein großer Literat. Einer jener permanenten Ruhestörer, wie sie Deutschland immer gebraucht, oft verjagt und nie geliebt hat. Marcel Reich-Ranicki über Ludwig Marcuse.

          Ich möchte Sie bitten, den fast schon vergessenen Ludwig Marcuse wiederauferstehen zu lassen. Also: Wer war Ludwig Marcuse, warum ist er heute fast vergessen?
          Hans Hüttinger, Pfarrkirchen

          Marcel Reich-Ranicki: Ludwig Marcuse, der 1894 in Berlin als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns geboren wurde und 1971 in München gestorben ist, war eine fragwürdige Figur des geistigen Lebens. Er hat einige schwache und nicht wenige missratene Artikel geschrieben. Und doch war er ein außergewöhnlicher Mann, ein großer Literat. Er hat allerlei Fehler gehabt und zugleich etwas, das Seltenheitswert beanspruchen kann: Format.

          Im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre mutete er, nachdem er aus dem Exil in Kalifornien zurückgekehrt war, etwas anachronistisch an. Dies war ihm ganz recht - und das lag nicht an der Epoche und an der Bundesrepublik, sondern vor allem an ihm selber. Ein Querkopf war er, aber weder ein Nörgler noch ein Krakeeler, ein unermüdlicher Polemiker, aber kein kleinlicher Besserwisser, ein streitbarer Geist, aber kein Fanatiker - es sei denn ein Fanatiker des Antifanatismus.

          Er war kein Störenfried vom Dienst. Von dem in der Bundesrepublik der sechziger Jahre so modernen Nonkonformismus um jeden Preis hat er nie etwas wissen wollen. Aber er gehörte zu den permanenten Ruhestörern, die Deutschland immer gebraucht, meist gefürchtet, oft verjagt und nie geliebt hat.

          Zum Gründlichen wollte er sich nie bequemen

          Ob Marcuse für oder gegen eine These, für oder gegen ein Buch oder einen Autor schrieb - er äußerte sich entschieden und leidenschaftlich. Denn es ging ihm stets ums Ganze. Die meisten seiner Artikel haben etwas Pamphletartiges, seine Bücher sind Streitschriften. Stets zur Entrüstung und zur Begeisterung bereit, reagierte er auf alles, was er für falsch und verdammenswert hielt, zumal auf Heuchelei, Borniertheit und Dogmatismus, schnell und heftig, oft allzu heftig. Schon seine Monographien und Theaterkritiken aus der Weimarer Zeit - er schrieb für das „Berliner Tageblatt“ und die „Vossische Zeitung“ und war von 1925 bis 1929 Feuilletonchef des „Frankfurter General-Anzeigers“ - lassen einen intellektuellen Draufgänger erkennen. Er liebte die provozierende Einseitigkeit und die bewusste Vereinfachung. Doch sollten diese Vereinfachungen nicht die Komplexität der Fragen unterschlagen, sondern sie betonen.

          Zum Gründlichen wollte sich Marcuses Naturell nie bequemen. Für das Systematische hatte der unruhige Mann weder Zeit noch Lust. Er wagte es, ein Simplifikateur zu sein - bisweilen ein schrecklicher, oft ein meisterhafter Simplifikateur. Dieses erstaunliche Temperament ist allen Büchern Marcuses zugutegekommen. Zu nennen sind die Monographien über Börne und Heine, ferner über Büchner, Strindberg und Freud. Überdies verfasste Marcuse großzügige Abrisse kulturgeschichtlicher und philosophischer Entwicklungen - wie etwa „Obszön - Geschichte einer Entrüstung“.

          Seine Schriften zeugen von enormer Bildung und authentischem Engagement, doch auch von Leichtsinn und Fahrlässigkeit. Die Leser wurden genötigt, zusammen mit seinen Geistesblitzen und mit seinen pointierten Formulierungen gelegentlich auch Liederliches und Schlampiges hinzunehmen. In ihrem Charme und in ihrer Fragwürdigkeit erinnern seine Arbeiten bisweilen an glänzende Improvisationen.

          Zwei viel zu wenig bekannten Selbstporträts

          Er bewunderte Marx und warnte vor den Marxisten. Er attackierte die Linke, wo sie ihm reaktionär erschien. Er hielt „unterdrückende Befreier“ für schlimmer als „schlichte Unterdrücker“. Zornig wandte er sich gegen die antikapitalistische und gegen die antikommunistische Kreuzzugs-Mentalität - und setzte sich damit, wie schon oft in seinem Leben, zwischen alle Stühle.

          Nie hat Marcuse bei einer Weltanschauung oder einer Organisation Schutz gesucht. Das habe ihn zwar - laut eigener Aussage - „tausend Anfälligkeiten ausgesetzt“. Aber er sei auch immer frei gewesen, „sich ohne Gewissensbisse zu widersprechen“. Er war und blieb ein Einzelgänger, er war ein romantischer Rationalist, ein unbeirrbarer Aufklärer.

          Das Unpopuläre hat er nie gescheut. Es machte ihm Freude, gegen den Strom zu schwimmen. Er verspottete die „ideologische Verdrängung des Privaten“. Als sein Credo kann gelten: „Der Mensch ist nicht zum Kämpfen geboren, sondern zum Leben - und zum Kämpfen nur verurteilt.“

          Zwei scheinbar private Bücher sind denn auch seine, neben der Börne-Biographie, schönsten und interessantesten: die Autobiographie „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ und der „Nachruf auf Ludwig Marcuse“. Diese beiden viel zu wenig bekannten Selbstporträts zeigen noch einmal, dass Marcuse mehr (ein vorzüglicher) Journalist als ein Wissenschaftler und mehr (ein hochbeachtlicher) Schriftsteller als ein Philosoph war.

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