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Fragen Sie Reich-Ranicki : Einer der größten Erotiker des 20. Jahrhunderts

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Seine Feder wird scheinbar mühelos dem Sinnlichen ebenso gerecht wie der Emotionalität, der Wollust ebenso wie der Zärtlichkeit: Marcel Reich-Ranicki über Wladimir Nabokov und seine „Lolita“.

          3 Min.

          Welche Stellung nimmt Ihrer Meinung nach Nabokov in der Literatur ein, und welcher seiner Romane ist für Sie bedeutender: „Lolita“oder „Pnin“? Kay Schmücking, Halle/Saale

          Reich-Ranicki: Ich bewundere, ich liebe den Russen Vladimir Nabokov, der 1899 in Petersburg geboren wurde, in England studierte, dann einige Jahre in Berlin lebte, sich 1940 in den Vereinigten Staaten niederließ und die letzten Jahre seines Lebens in Montreux verbrachte, wo er 1977 gestorben ist.

          Er schrieb zunächst in russischer, dann in englischer Sprache. Aber er kann schwerlich als Vertreter einer Nationalliteratur gelten. Keiner Schule, keiner Richtung und keiner Gruppe zugehörig, war und ist er einer der größten amerikanischen Schriftsteller seiner Epoche und einer der originellsten Außenseiter der Weltliteratur.

          Seine Figuren charakterisiert Nabokov zurückhaltend und dennoch deutlich. Er ist zu diskret, um die leidenden Menschen, die er auftreten lässt, in ein helles, vielleicht rücksichtslos helles Licht zu tauchen: Er gönnt ihnen das barmherzige Halbdunkel.

          In „Maschenka“, seinem ersten Roman aus dem Jahre 1926, erinnert sich ein reifer Mann an eine frühe, eine mittlerweile weit zurückliegende Liebesgeschichte, als er und seine Freundin so jung waren wie Romeo und Julia, also Halbwüchsige. Sie suchen sich gegenseitig, und sie meiden sich gegenseitig. Sie gehen spazieren, sie unterhalten sich über dies und jenes. Er streichelt sie, er küsst sie, er knöpft ihr die Bluse auf. Sie führen stundenlange Telefongespräche.

          Dann liegt sie irgendwo in einem Petersburger Park auf dem Boden und sagt ihm einen Satz, den sie wohl in einem Roman gelesen hat: „Ich bin dein, tu mit mir, was du willst.“ Jetzt, da endlich der ersehnte Augenblick gekommen ist, da versagt er, da muss er sie enttäuschen. Eine sehr banale Geschichte, und doch: eine herrliche Geschichte.

          Manche unserer Erzähler meinen, es komme, wenn man eine erotische Beziehung zeigen möchte, vor allem darauf an zu schildern, wie sich zwei Menschen miteinander beschäftigen - im Bett oder vielleicht unter den Linden auf der Heide. Aber ungleich schwerer und vielleicht auch ergiebiger ist es, die erotische Spannung zwischen zwei Individuen erkennbar zu machen, die sich, beispielsweise, am Kaffeehaustisch gegenübersitzen oder in der Straßenbahn.

          Nabokov ist einer der größten Erotiker des 20. Jahrhunderts nicht etwa deshalb, weil er sexuelle Vorgänge glänzend beschreiben kann, sondern weil er uns alle Schattierungen und Grade der Zuneigung eines Menschen zu einem anderen sehen und spüren lässt und natürlich auch des sexuellen Interesses an einer anderen Person.

          Auf der Diskussion über „Lolita“ lastete ziemlich lange die Frage, ob das Buch pornographisch oder etwa hoch moralisch sei. Das scheint uns heute absurd: Es gibt hier keinen einzigen Satz, der den Roman auch nur in die Nähe der Pornographie rücken würde. Mit dieser Diskussion in den sechziger Jahren hängt es wohl auch zusammen, dass man sich häufig bemüht hat, „Lolita“ in der Tradition der klassischen erotischen Literatur zu sehen. Tatsächlich steht im Mittelpunkt des Romans das uralte Motiv der heimlichen Liebesbeziehung: Sie muss geheim gehalten werden, weil sie mit den herrschenden sittlichen Auffassungen und Prinzipien nicht in Einklang zu bringen ist, ja ihnen auf provozierende Weise widerspricht. Also: Leander und die Priesterin Hero, Tristan und Isolde, Anna Karenina und Wronski. Und hier: Humbert Humbert und Lolita.

          Die Konstellation ist einfach: Ein reifer Mann verfällt einem zwölfjährigen Mädchen und heiratet, um diesem Mädchen stets nahe zu sein, dessen Mutter. Immer wieder versucht dieser Mann zu beschreiben, was ihn an dem kleinen Dämon mit der Grazie eines Kobolds fasziniert und entwaffnet: Es ist die sinnliche, rein körperliche Attraktivität Lolitas. Sie versetzt ihn in einen Zustand der Erregung, der an Wahnsinn grenzt.

          Das zentrale Thema des Romans ist die sexuelle Hörigkeit, demonstriert an einem pathologisch-exzentrischen Beispiel. Aber er vergreift sich an dem Mädchen nicht: Nicht er verführt Lolita, sondern sie verführt ihn. Nicht sie ist ihm ausgeliefert, sondern er ihr. Das Mädchen ahnt nicht einmal, was das Wort „Liebe“ bedeutet.

          Wo aber nur eine Person liebt, lässt sich schwerlich von einer Liebesgeschichte reden. Nein, nicht eine Liebesgeschichte wird hier erzählt, wohl aber die Geschichte einer Liebe. So leuchtet es denn ein, dass am Ende sie ihn verlässt und nicht umgekehrt. Daher kann „Lolita“ nicht als eine moderne Version des klassischen erotischen Romans verstanden werden, das Buch ist vielmehr dessen virtuose Parodie.

          Die schriftstellerische Kunst, der diese Liebe höchste Anschaulichkeit verdankt, bezieht ihre Überredungskraft vor allem aus der Wahrnehmung und Beschreibung von Details. Gab es nach Marcel Proust einen Erzähler, der den Requisiten des Alltags, der den Nuancen und Winzigkeiten jeglicher Art so viel Leben und Expressivität abgewonnen hätte? Die Feder Nabokovs wird scheinbar mühelos dem Sinnlichen ebenso gerecht wie der Emotionalität, der Wollust ebenso wie der Zärtlichkeit. Ihm gelingt, worum sich die Epiker seit Homer bemühen - das Unglaubhafte zu beglaubigen.

          Jetzt muss ich noch auf einen dritten Roman von Nabokov zu sprechen kommen - auf einen ganz anderen, auf „Pnin“. Doch wollen wir dieses Thema lieber auf die nächste Nummer unseres Blattes verschieben.

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