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Fragen Sie Reich-Ranicki : Eine naive Hoffnung, ein Genie, eine Ohrfeige

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Jedenfalls eine ausgezeichnete Autorin: Seruya Shalev Bild: picture-alliance/ dpa

Was ist dran an der Behauptung, literarische Qualität setze sich in den Bestsellerlisten durch? Welcher Schriftsteller von Weltrang schrieb in mehr als einer Sprache? Was zeichnet Seruya Shalevs Romane aus? Neue Fragen an, neue Antworten von Marcel Reich-Ranicki.

          Was sagen Bestsellerlisten über die literarische Qualität von Büchern aus? Gar nichts? Oder setzt sich literarische Qualität am Ende doch durch?
          Antonia Schwertfeger, Hannover

          Marcel Reich-Ranicki: Bestsellerlisten haben ganz einfache Aufgaben, die man klar erklären muss. Sie sollen, beispielsweise, die Verkaufserfolge der Autoren oder Bücher ermitteln. Mit literarischer Qualität hat das rein gar nichts zu tun. Es gibt wertvolle Bücher, deren Absatz aus verschiedenen Gründen gering ist - vielleicht deshalb, weil sie für den durchschnittlichen Leser zu kompliziert sind.

          Und es gibt noch viel mehr Bücher, die trotz oder eventuell wegen ihrer Miserabilität sehr viele Menschen amüsieren und daher zahlreiche Abnehmer finden. Dass sich literarische Qualität schließlich doch durchsetzen werde, ist eine naive Hoffnung.

          Fragen nach Bestsellerlisten beantworte ich ungern und werde sie in Zukunft überhaupt nicht mehr beantworten. Denn es gibt in jeder Generation unbelehrbare Leser, die daran glauben, dass die gute Literatur stets triumphiere. Das aber ist nur sehr selten der Fall.

          Die Dramen und Romane des Christian August Vulpius waren ungleich erfolgreicher als „Die Wahlverwandtschaften“, „Iphigenie auf Tauris“ und „Torquato Tasso“ seines doch, alles in allem, nicht so unbegabten Schwagers Goethe, Johann Wolfgang. Die Romane des schrecklichen Autors Hans Habe erreichten ein enormes Publikum, das vielfach größer war als die Leserschaft des „Zauberbergs“ von Thomas Mann. Also: Bestsellerlisten nie wieder, sonst wird dem Briefschreiber das Abonnement entzogen.

          Gibt es einen Schriftsteller von Weltrang, der bedeutende Werke in mehr als einer Sprache verfasst hat?
          Andreas Maier, Ludwigsburg

          Marcel Reich-Ranicki: Versucht haben es viele, zumal Österreicher im Zweiten Weltkrieg, beispielsweise: Hilde Spiel, Friedrich Torberg, Robert Neumann. Neumann hat treffend bemerkt, er habe damals seine Bücher in einer Sprache geschrieben, die Nichtengländer für Englisch halten. Nur einem Schriftsteller ist es gelungen, geniale Romane in seiner zweiten Sprache zu verfassen: Vladimir Nabokov. Aber ob diese zweite Sprache nun Englisch oder Russisch war, weiß ich nicht.

          Es wird immer wieder behauptet, die Bücher der israelischen Autorin Seruya Shalev seien typische Frauenliteratur. Was zeichnet diese Romane aus?
          Hannah Radke, Tübingen

          Marcel Reich-Ranicki: Es zeichnet sie aus: Erstens Intelligenz, zweitens Qualität. Ob es sich um Frauenliteratur handelt, weiß ich nicht. Denn was ist denn Frauenliteratur? Literatur von Frauen, für Frauen, über Frauen? Unter uns: Ich weiß es nicht, und ich möchte es nicht wissen.

          Hingegen weiß ich sehr wohl, dass sich Ricarda Huch, Anna Seghers oder Ingeborg Bachmann von ihrem jeweiligen Gesprächspartner, wenn er ihre Bücher für Frauenliteratur hielt, rasch abwandten. Einen Interviewer soll die zarte Bachmann bei dieser Gelegenheit sogar kräftig geohrfeigt haben. Ich glaube es nicht, aber er hat es verdient.

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