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Fragen Sie Reich-Ranicki : Ein wunderbarer poetischer Zeitkritiker

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Gibt es Gründe, den unglücklichen Dichter Theodor Kramer neu zu entdecken? Marcel Reich-Ranicki gibt die Antwort. Außerdem: Wie hält es der Kritiker mit Fantasy und Science-Fiction?

          Schätzen Sie den Dichter Theodor Kramer? Hat seine Lyrik nicht Bedeutung über ihre Zeit hinaus? Gäbe es nicht ausreichend Grund, ihn auch in Deutschland wieder mehr zu lesen? Beate Lehner, Berlin

          Reich-Ranicki: Auf diese drei Fragen antworte ich dreimal und ganz entschieden: Ja. Kramer, geboren 1897, gehört zu den bedeutendsten österreichischen Lyrikern seiner Generation. Ab 1915 nahm er am Ersten Weltkrieg teil und wurde 1916 schwer verwundet. Das Studium der Geschichte, der Germanistik und der Philosophie musste er aus finanziellen Gründen abbrechen. Dann war er Buchhändler und Verlagsvertreter und veröffentlichte ab 1926 hier und da Gedichte.

          Kramers erster Gedichtband, „Die Gaunerzinke“, erschien 1928 und machte ihn sogleich wenn nicht berühmt, so doch bekannt. Da er Jude war, erhielt er 1938 Schreibverbot und floh im Sommer 1939 nach England, wo er in Armut lebte. Erst 1957 kehrte er, gesundheitlich sehr geschwächt, nach Wien zurück und starb dort im folgenden Jahr.

          Zu Kramers Lebzeiten hat die Kritik nur auf seine frühen Bände freundlich (teilweise sogar enthusiastisch) reagiert. Nach seinem Tod, als allmählich der ganze Reichtum der Poesie Kramers zum Vorschein kam, hatte die Germanistik für seine Verse wenig Verständnis, eigentlich wollt man von ihm, aus welchen Gründen auch immer, nichts mehr wissen.

          Unter anderem warf man ihm vor, er habe zu rasch und zu viel gedichtet. Überdies sei seine Lyrik meist im Banne der Tradition. Das ist nicht einmal falsch. Es stimmt wohl, dass es von ihm rund zehntausend Gedichte gibt, von denen er allerdings nicht mehr als zweitausend veröffentlicht hat oder, richtiger, veröffentlichen konnte. Ob die Ziffern ganz stimmen? Ich kann es weder bestätigen noch bestreiten.

          Sicher ist, dass der offensichtlich lebensuntüchtige und wohl etwas chaotische Kramer wie kaum ein anderer Autor dieser Epoche ein wunderbarer poetischer Zeitkritiker war. Sehr bald wurde er zum Sprecher der Außenseiter und der Randfiguren, der Erniedrigten und der Beleidigten, der geschundenen Kreatur. Traditionelle Gedichte? Mag sein, aber gleichwohl sind sie in hohem Maße eigenwillig, zumal dank ihrer Melodie, ihrem Tonfall, ihrem Rhythmus und ihrer erstaunlichen Anschaulichkeit. Man hört in diesen Versen das Echo Georg Trakls und des jungen Brecht. Auch Erich Kästner? Nicht unbedingt. Zwar war er - ähnlich wie Brecht oder Kästner - immer wieder bereit, den Lesern menschenfreundlich und gelegentlich mit einem traurigen Lächeln entgegenzukommen.

          Doch war Kramer an politischer, an kämpferischer Lyrik überhaupt nicht interessiert. Er verstand sich vielmehr auf die österreichische Kunst, die Einsicht in das Elend der Menschen und in die Vergänglichkeit des Daseins auf freundlich-schwermütige Weise auszudrücken. Etikettieren lässt sich Kramers Dichtung nicht. Die Nachschlagebücher behelfen sich oft mit der (ziemlich unoriginellen und auch undeutlichen) Formulierung „soziale Lyrik“.

          Es wäre schön, wenn der unglückliche Dichter Theodor Kramer wieder ein Publikum finden könnte.

          Wie schätzen Sie die Bedeutung von Fantasy-Literatur - besonders Tolkiens „Der Herr der Ringe“ - im Vergleich zu der als „bedeutend“ angesehenen Literatur (Shakespeare, Goethe Schiller, Thomas Mann, Brecht) ein? Tobias Hock

          Reich-Ranicki: Ich weiß es, ich werde Sie enttäuschen: Fantasy-Literatur, Science-Fiction und dergleichen mehr interessierte mich ein wenig in meiner Jugend. Von Tucholsky angeregt, las ich den Amerikaner Edward Bellamy, dann einige Romane von Jules Verne, dann einen in der Nachfolge von Verne schreibenden populären deutschen Autor Hans Dominik, der längst vergessen ist - und dann hatte ich von dieser Literatur genug. Sie amüsierte mich nicht. Wozu sollte ich sie dann lesen? Um mich über dies und das belehren zu lassen?

          Für solche, vielleicht höchst lobenswerte Bemühungen sollte man die Kunst nicht missbrauchen. Und sie wird immer missbraucht, wenn sie ausdrücken will, was populärwissenschaftliche Schriften besser und auch überzeugender ausdrücken können.

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