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Fragen Sie Reich-Ranicki : Ein Opfer der deutschen Teilung

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Ähnlich wie Anna Seghers war Arnold Zweig der repräsentative Autor der DDR. Eben deshalb wurde er in der Bundesrepublik kaum gedruckt und geriet rasch in Vergessenheit. Marcel Reich-Ranicki über den Schriftsteller.

          2 Min.

          Im Jahre 2006 bin ich in der Sonntagszeitung häufiger nach Romanen von Arnold Zweig als nach denen von Thomas Mann oder Franz Kafka gefragt worden. Das ist kein Zufall.

          Die Fragen stammen, vermute ich, vorwiegend von Lesern, die früher in der DDR lebten oder jedenfalls aus der DDR stammen. Dort war er viele Jahre lang der wohl am meisten gerühmte, gefeierte, von der Kritik hochgeschätzte und auch beim Publikum sehr beliebte Schriftsteller. Ähnlich wie Anna Seghers war auch Arnold Zweig der repräsentative Autor der DDR. Eben deshalb wurde er in der Bundesrepublik kaum gedruckt und geriet rasch in Vergessenheit. Nie wollte man ihm, dem Bürger und Liberalen, seine Entscheidung zugunsten des Ostens verzeihen. Freilich: In den Westen hatte ihn niemand gerufen oder eingeladen. In diesem Sinne war auch er ein Opfer der deutschen Teilung.

          Die Biographie Arnold Zweigs (er wurde 1887 in Schlesien geboren und starb 1968 in Ost-Berlin) ist die Geschichte eines Mannes, in dessen Persönlichkeit Deutschtum, Judentum und Preußentum zu einer Einheit zusammengefunden haben, an der selbst die schrecklichsten Geschehnisse nicht viel zu ändern vermochten.

          Zweigs Sehnsucht und Ziel

          Er begegnete der Umwelt mit der luziden Skepsis der Juden und zugleich mit der gradlinigen Einfachheit und der strengen Nüchternheit der Preußen. Der Staat als höchste Einheit von Recht und Moral, von Geist und Tat - das war Zweigs Sehnsucht und Ziel. So begann er seinen Weg als deutscher Idealist, preußischer Konservativer und jüdischer Traditionalist. Und brav zog er als Soldat in den Ersten Weltkrieg. Deutschland wollte er verteidigen. Nur war ihm das Missgeschick widerfahren - und nicht zum letzten Mal in seinem Leben -, den Staat mit den Idealen zu verwechseln, die dieser zu vertreten vorgab.

          Wie wenig der Untergang des Kaiserreichs seine Ideale verändern konnte, zeigt das Werk, dem er seinen Weltruhm verdankt: der Roman „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ (1927). Wie ist es um das Ethos eines Staates bestellt, fragt Zweig, in dem im Namen der Justiz Unrecht geschehen kann - und mag es sich nur um einen einzigen russischen Kriegsgefangenen handeln? Um sein Leben kämpfen gemeinsam preußische Offiziere und jüdische Intellektuelle; aber sie unterliegen, Grischa wird hingerichtet.

          1933 war Zweig nach Palästina gegangen und erlebte dort nach dem Zusammenbruch der Weimarer Republik gleich die nächste Enttäuschung: Zu weit schien ihm das jüdische Provisorium unter englischer Mandatsherrschaft von dem Staat entfernt, den er erhofft hatte und der wohl eine Art Preußen zwischen Mittelmeer und Jordan sein sollte.

          Henker und Opfer zugleich

          Noch während des Krieges veröffentlichte Zweig den 1937 in Hamburg spielenden Roman „Das Beil von Wandsbek“, in dem er die deutschen Verhältnisse nicht nur anklagend, sondern auch verständnisvoll darstellt. Der hier im Mittelpunkt stehende arme Fleischermeister ist Henker und Opfer zugleich. Im Exil entstanden auch zwei hochbeachtliche, zum Grischa-Zyklus gehörende Romane „Erziehung vor Verdun“ und „Einsetzung eines Königs“, beide im Exil entstanden oder abgeschlossen.

          1948 verließ Zweig den soeben gegründeten Staat Israel und ließ sich in Ost-Berlin nieder. Die damals in der DDR verbreitete Version, seine Übersiedlung sei die logische Konsequenz seiner politischen Überzeugung, war nichts anderes als eine zu Propagandazwecken präparierte Legende. Denn die kommunistische Welt war ihm immer fremd geblieben.

          Zweig, krank und fast erblindet, war müde und der Außenseiterposition überdrüssig geworden. Um zur Repräsentanz, die er immer schon ersehnt hatte, aufrücken zu können, ließ er sich in der DDR einreden, dass er dort eine Heimat gefunden habe. Er ließ sich überzeugen oder redete sich ein, dass zwischen der Elbe und der Oder die Grundlagen eines gerechten Staates geschaffen würden. Er wurde mit Orden, Titeln und Ehrenämtern überhäuft. Aber natürlich konnte es ihm nicht verborgen bleiben, dass auch der Kommunismus nicht jenes gelobte Land war, das er unentwegt gepriesen hatte.

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