https://www.faz.net/-gr0-zis1

Fragen Sie Reich-Ranicki : Ein Gefühlssozialist

  • Aktualisiert am

Wie sein einstmaliger Erfolg gute Gründe hatte, so hat sie in nicht geringerem Maße auch die Vergänglichkeit seiner Prosa: Marcel Reich-Ranicki über die wechselhafte Karriere des Schriftstellers Leonhard Frank.

          2 Min.

          Was halten Sie von Leonhard Frank?

          Um es gleich zu sagen: Leonhard Frank, dessen Romane und Novellen einst ungewöhnlich hohe Auflagen erreichten, mit den begehrtesten Preisen ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt wurden, hat im Bewusstsein unserer Zeitgenossen keinen Platz mehr, selbst promovierte Germanisten und beschlagene Literaten der jüngeren Generation kennen kaum eine Zeile des Autors.

          Wie der damalige Erfolg Franks seine guten Gründe hatte, so hat sie in nicht geringerem Maße auch die offenkundige Vergänglichkeit seiner Prosa. Mit den Protagonisten seines Romans „Die Räuberbande“, erschienen Anfang 1914, konnte sich eine ganze Generation identifizieren, jene nämlich, die der bestehenden Verhältnisse überdrüssig war, die indes deutlich spürte, dass sie nicht die Kraft hatte, zu der verzweifelt ersehnten radikalen Veränderung auch nur beizutragen.

          Ein heute kaum noch vorstellbares Echo

          Gewiss, er war stets für die Armen und gegen die Reichen, für Gerechtigkeit und gegen Ausbeutung, für den Frieden und gegen den Krieg. Doch hatte er nie Lust, seine Anschauungen zu begründen. Gern bezeichnete er sich als einen Sozialisten, treffender ist allerdings die Formulierung, die er in seiner Autobiographie verwendet hat: In seiner Jugend sei er „eine Art rebellischer Gefühlssozialist“ gewesen. In dieser Hinsicht hat er sich nie geändert: Er war auch in seinen späten Jahren nicht mehr und nicht weniger als ein „Gefühlssozialist“.

          1915 emigrierte Leonhard Frank in die Schweiz und veröffentlichte seine pazifistischen Geschichten in den von René Schickele herausgegebenen „Weißen Blättern“. Die Buchausgabe dieser Geschichten mit dem Titel „Der Mensch ist gut“ (1917) hatte ein heute kaum noch vorstellbares Echo. Später, 1920, erhielt Frank für den kleinen Band den Kleist-Preis. Der Preisrichter hieß in jenem Jahr Heinrich Mann.

          Seinen Namen kennt man nicht mehr

          In den zwanziger Jahren lebte Frank, der gleich nach Kriegsende nach Deutschland zurückgekehrt war, wieder in Berlin. Aber seine neuen Bücher waren größtenteils erfolglos und wurden von der Kritik meist ignoriert - mit Ausnahme der Novelle „Karl und Anna“ (1927), eine höchst unwahrscheinliche und doch überzeugende Liebesgeschichte, in der ein Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft die Frau seines in der russischen Steppe gebliebenen Leidensgenossen erobert - mit einem Täuschungsmanöver, das kein Betrug ist, weil es von einem großen Gefühl beglaubigt wird.

          Sich mit den Nationalsozialisten einzulassen, die Frank umwarben, kam für ihn nicht in Betracht, schon im März 1933 verließ er Deutschland. Als er 1950 wieder zurückkehrt, bereitet ihm schon die erste Stadt, in der er übernachtet, eine bittere Enttäuschung: Er fragt in einer Buchhandlung nach den Büchern von Leonhard Frank. Kein einziges ist zu haben, seinen Namen kennt man nicht mehr. Daran hat sich im Laufe der fünfziger Jahre nicht viel geändert - trotz einiger Neuausgaben, trotz eines neuen und lesenswerten Buches, der Autobiographie „Links wo das Herz ist“ (1952), trotz (eher bescheidener) Ehrungen. Dass Frank auf die Wiedereinbürgerung (die Nazis hatten ihn 1934 der Staatsangehörigkeit für verlustig erklärt) über zwei Jahre warten musste, sei nur am Rande erwähnt. Als er 1961 starb, war das den meisten bundesdeutschen Zeitungen nur eine knappe Meldung wert.

          Weitere Themen

          Warten im Kapitalismus

          Schlange stehen : Warten im Kapitalismus

          Seit dem Untergang der DDR mussten wir nirgends mehr anstehen. Jetzt geht es wieder los – im Restaurant, auf dem Flughafen, überall. Wie konnte es so weit kommen?

          Topmeldungen

          Borussia Dortmund : Das Problem hinter dem Haaland-Hype

          Alle reden vor dem Spiel gegen Köln von Erling Haaland. Ohne den Hype um ihn würde der BVB wieder festhängen im Stimmungstief. Denn richtig rund läuft es eigentlich nicht. Die Suche nach Lösungen ist kompliziert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.