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Fragen Sie Reich-Ranicki : Ein Deutscher ohne Deutschland

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Ein Feuilletonist im Pantheon der deutschen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts: Kurt Tucholsky (1890 - 1935) Bild: dapd

Feuilletonist, Romanautor, linker Demokrat: Kurt Tucholsky wurde während der Weimarer Republik von der Kritik zuweilen ignoriert, doch sein Publikum liebte ihn. Wie sieht man den Publizisten heute? Marcel Reich-Ranicki hat eine Antwort.

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          Wie beurteilen Sie Kurt Tucholsky? Salomon Goldmann, Berlin

          Marcel Reich-Ranicki: Verkannt wurde Tucholsky nie, unterschätzt nur selten. Schon wahr: In den Jahren der Weimarer Republik hat ihn die Kritik bisweilen nicht ganz ernst genommen und mitunter sogar ignoriert. Aber das konnte seinen Erfolg nicht gefährden, seine Popularität nicht schmälern. Er und seine Leser - sie haben sich sofort gefunden, schon 1912, als der kaum 22-Jährige mit der Erzählung "Rheinsberg" debütierte. So war er vom ersten Augenblick an ein Publikumsschriftsteller.

          Tucholsky hat einen schon sicheren Platz im Pantheon der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, freilich einen etwas abgelegenen. Denn er war ein Feuilletonist und nicht mehr. Während aber die Sockel mancher seiner einst ungleich mehr geachteten Zeitgenossen schon seit einer Weile bröckeln, weist der seinige nach wie vor keine Risse auf.

          Aufgehörter Schriftsteller

          Über den Arbeiten mancher Journalisten schwebe - spottete Tucholsky 1913 - "segnend der Feuilletonstrich, der sie vom realen Leben trennt". Er war entschlossen, diese Kluft zu überwinden. Er hat das Feuilleton politisiert, und das war eine große Leistung. Nur hat er zugleich die politische Publizistik feuilletonisiert.

          Als die Republik kaum ein Jahr alt war, schrieb Tucholsky in der "Weltbühne" von der Notwendigkeit, das alte Offizierscorps zu bekämpfen, und fügte gleich hinzu: "Ich muß es einmal sagen: Dieser Kampf scheint aussichtslos." Er gesteht unumwunden: "Ich resigniere. Ich kämpfe weiter, aber ich resigniere." Tucholskys bekannter Ausspruch, er sei ein "aufgehörter Schriftsteller", stammt bereits aus dem Jahre 1923. Schon Anfang 1924 hat er Deutschland verlassen und lebte die nächsten Jahre in Paris.

          Kein Mann der Theorie

          Es sind weniger Ideen als vor allem Erlebnisse, weniger Überlegungen als vor allem Enttäuschungen, die Tucholskys Verhältnis zu Deutschland geprägt haben. Wogegen er war, wusste er genau. Wusste er auch, wofür er war? Er wollte eine Gesellschaft, in der das Individuum frei von Unterdrückung und Ausbeutung, von Ungerechtigkeit und Heuchelei leben könnte. Er forderte Personaländerungen und weitgehende, doch nie genau definierte Reformen in der Justiz und in der Verwaltung, in der Armee und im Bildungswesen.

          Kein Zweifel, er war immer für den Einzelnen. Das mag als letztes Ziel eines publizistischen Engagements ausreichen, aber es ist noch kein politisches Programm. Ein solches hat Tucholsky nie gehabt. Er war ein Mann des Worts, der Formulierung, der Polemik - und nicht der Theorie. Und nie sah er eine Möglichkeit, die Ideale, die ihm mehr oder weniger deutlich vorschwebten, auch zu realisieren.

          Schreiben als Sucht

          Nur einmal gehörte er einer politischen Partei an: der USPD, von 1919 bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1922. Später näherte er sich der KPD und schrieb 1928 und 1929 eine Anzahl Beiträge für kommunistische Blätter. Aber in einem Brief an seine Freundin Mary erklärte er im Sommer 1929: "Ich habe gar keine kommunistischen Ambitionen - keine." Im Oktober 1930 meinte er in der "Weltbühne", es sei "an der Zeit, den Unentwegten mitzuteilen, daß man den Marxismus nicht wie eine Käseglocke über die Welt stülpen kann. Er deckt sie nicht. Ihr habt aus ihm eine dogmatische Religion gemacht. Wir machen das nicht mit."

          Zu den vielen Krankheiten, an denen Tucholsky litt, gehörte auch die chronische Graphomanie. Er war schreibsüchtig. Es wäre absurd, ihn mit jenen zu verwechseln, die unentwegt etwas sagen müssen, weil sie nichts zu sagen haben, und die unbedingt das, was aus ihnen hinauspurzelt, auch gedruckt sehen möchten. Nicht, dass er zu wenig, sondern dass er zu viel zu sagen hatte, dass er die ihn bedrängende Wortflut nicht eindämmen, das Mitteilungsbedürfnis kaum zähmen konnte, war die Crux des Schriftstellers Tucholsky.

          Preuße wider Willen

          Er schrieb gemütvoll und schnoddrig in einem. Er ist der Erfinder oder zumindest der Vollender der Sentimentalität mit Pfiff. Das schrecklichste Fehlurteil seines Lebens war die Verkennung des Nationalsozialismus. Sie gipfelte 1931 in Tucholskys Satz über Hitler: "Den Mann gibt es gar nicht; er ist nur der Lärm, den er verursacht."

          Tucholsky hat Berlin verabscheut, Preußen verachtet und Deutschland verpönt. Aber das schillernde und, wie sich zeigte, unverwüstliche Werk Kurt Tucholskys ist undenkbar ohne Berlin, ohne Preußen, ohne Deutschland. Im Dezember 1935 hat Tucholsky Selbstmord verübt, beerdigt wurde er auf dem Friedhof von Mariefred, nicht weit von Stockholm. Seine Freunde hielten es für richtig, den Ort der Beisetzung noch jahrelang geheim zu halten. Man fürchtete deutsche Racheakte. Ein Berliner war er wie kaum ein anderer Schriftsteller seiner Epoche, ein Preuße wider Willen, ein Deutscher ohne Deutschland.

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