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Fragen Sie Reich-Ranicki : Die „Gruppe 47“ war kein Phänomen der Literatur

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Joachim Kaiser, Günter Grass und Martin Walser Bild: ASSOCIATED PRESS

Alle Autoren, die sich hier trafen und gegenseitig ihre Manuskripte vorlasen, gehorchten ihm. Dabei war seine literarische Bildung dürftig, und seine Romane sind schwach. Marcel Reich-Ranicki über Hans Werner Richter und die Gruppe 47.

          Wie groß war der Einfluss der „Gruppe 47“ auf die Geschichte der deutschen Nachkriegsliteratur? Warum wird Hans Werner Richter heute nicht mehr gelesen? Ich glaube, dass der Einfluss der „Gruppe 47“ auf die Literatur überhaupt nicht vorhanden oder gering war.
          Christa Hövelborn

          Marcel Reich-Ranicki: Das ambulante Romanische Café, das sich „Gruppe 47“ nannte und zwanzig Jahre lang existierte und auch etwas länger (von 1947 bis 1967 beziehungsweise 1977), wurde von einem der Mitbegründer, Hans Werner Richter, geleitet. Alle Autoren, die sich zwei- oder, später, einmal jährlich trafen und sich gegenseitig ihre Manuskripte vorlasen, gehorchten ihm.

          Worauf beruhte seine Autorität? Er stammte aus Pommern, er war der Sohn einfacher Leute, die sich um seine Erziehung offensichtlich kaum gekümmert hatten. Seine Bildung, auch die literarische, war und blieb dürftig. Er hat sich nie als Künstler verstanden, die Politik interessierte ihn mehr als die Literatur, er war eher ein Journalist als ein Schriftsteller.

          Seine Romane, heute längst vergessen, sind allesamt schwach. Von moderner Literatur hatte er keine Ahnung. Aber er war klug genug, sich gute Ratgeber zu holen und ihren Empfehlungen und Warnungen beinahe immer zu folgen. Zur „Gruppe 47“ kamen die besten jüngeren Schriftsteller, die geistreichsten Kritiker.

          Was wir Hans Werner Richter zu verdanken haben

          Gerade weil Richter keine Ambitionen als Künstler hatte, weil er, offen gesagt, nur kümmerlich schreiben konnte und als Romancier immer erfolglos blieb, hatte er Zeit und Lust, diese „Gruppe 47“ zu organisieren, zu lenken und lange Jahre am Leben zu halten. Seine Bedeutung in der Öffentlichkeit verdankte er also nicht seinen Büchern und seinen immer seltener werdenden Zeitungsartikeln, sondern ausschließlich der Existenz der „Gruppe 47“.

          Mit Richters Mentalität hatte es auch zu tun, dass es eine Literatur der „Gruppe 47“ nicht gibt und nie gegeben hat. Schuld an den vielen Missverständnissen, die sie ausgelöst hat, ist das schlichte Wort „Gruppe“. Denn es suggeriert eine literarische Richtung, eine Schule. Davon konnte nie die Rede sein. Besser wäre es gewesen, eine Bezeichnung wie etwa „Forum 47“ zu wählen oder „Arena 47“ oder „Studio 47“.

          Die „Gruppe 47“ war kein Phänomen der Literatur, vielmehr ein (in ihrer Zeit überaus wichtiges) Phänomen des literarischen Lebens in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie war nicht mehr und nicht weniger als ein Sammelbecken, als ein drei Tage im Jahr funktionierendes Zentrum der deutschsprachigen Literatur. Sie war eine dringend benötigte Probebühne und eine alljährliche Modenschau.

          Das Ritual der Tagungen war ungewöhnlich. Die Anwesenden konnten nicht einmal einen Blick auf das zu beurteilende Manuskript werfen. Man musste sich über eine literarische Arbeit äußern, die man nur gehört hatte. Dieses Ritual war notwendig, um derartige Schriftstellertreffen überhaupt zu ermöglichen.

          Die „Gruppe 47“ haben wir Hans Werner Richter zu verdanken. Er ist 1993 in München gestorben. Solange man sich für die deutsche Literatur zwischen 1945 und 1970 interessieren wird, so lange sollte man auch seiner dankbar gedenken.

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