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Fragen Sie Reich-Ranicki : Die Angst vor Thomas Bernhards Prosa

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Thomas Bernhard Bild:

„Was bedeuten Ihnen die Bücher von Thomas Bernhard?“ wird Marcel Reich-Ranicki von einem Leser gefragt. Die Antwort des Kritikers überrascht: Er habe selten über Bernhard geschrieben, da er fürchtete, ihm nicht gewachsen zu sein.

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          Was bedeuten Ihnen die Bücher von Thomas Bernhard, und wie ist seine Erzählkunst zu beurteilen?
          Gabriele Stapper, Mainz

          Marcel Reich-Ranicki: Thomas Bernhards erstes Buch, der Roman „Frost“, erschien 1963. Ich las es mit gemischten Gefühlen. Ich war fasziniert, gewiss, aber in noch höherem Maße irritiert. Ein ganz großes Talent? Ich war meiner Sache nicht sicher. Und ich meine, dass ein Kritiker, der sich nicht entscheiden kann, seine Unsicherheit mit sich selber ausmachen müsse und erst dann vor das Publikum treten dürfe, wenn er glaubt, klar sagen zu können, was seiner Ansicht nach hier gespielt und wie es gespielt werde.

          Beim nächsten Buch Bernhards, der Erzählung „Amras“ (1964), stand ich vor dem gleichen Dilemma. Und wenn ich mich heute frage, was mich damals gehindert hat, über ihn zu schreiben, dann drängt sich mir ein einziges Wort auf: Angst. Ich fürchtete, seiner Prosa nicht gewachsen zu sein. Wie ich viele Jahre gezögert habe, mich über Kafka zu äußern, so entzog ich mich vorerst auch den Büchern Bernhards.

          Das änderte sich schnell: Als ich 1965 in der „Neuen Rundschau“ seine nicht lange Erzählung „Der Zimmerer“ gelesen hatte, war mein etwas zwiespältiges Verhältnis zu dem jungen österreichischen Autor überwunden. Dieses Prosastück berührte und beeindruckte mich mehr als „Frost“ und „Amras“, nun meinte ich, meiner Sache ganz sicher sein zu können. Ich nahm den „Zimmerer“ in meine damals vorbereitete und noch im selben Jahr erschienene Anthologie „Erfundene Wahrheit - Deutsche Geschichten seit 1945“ auf. Übrigens habe ich diese Erzählung in einer späteren Ausgabe der Anthologie gegen eine andere von Thomas Bernhard ausgetauscht, die mir noch bedeutender erschien, gegen „Die Mütze“.

          Zugleich war ich entschlossen, mich mit seinem nächsten Buch kritisch auseinanderzusetzen. 1967 publizierte er den Roman „Verstörung“, dem dann rasch seine kleine, doch gewichtige Sammlung „Prosa“ folgte. Hatte ich jetzt keine Angst mehr vor Bernhard? War ich nun seinem Werk gewachsen? Nein, natürlich nicht. Aber es fragt sich, ob man ihm überhaupt gewachsen sein kann. Goethe sagte 1827 zu Eckermann: „Je inkommensurabler und für den Verstand unfasslicher eine poetische Produktion, desto besser.“ Hat Goethe dies wörtlich gemeint? Vielleicht wollte er nur sagen, dass das Inkommensurable und für den Verstand Unfassliche dem Autor und seiner Dichtung sehr wohl zugutekommen kann.

          In jeder Hinsicht spürte, ahnte und wusste Bernhard ungleich mehr, als er in Worten auszudrücken imstande war. Eben deshalb konnte er ausdrücken, was sich in seinen Büchern findet. Ich habe es nie für meine Aufgabe oder auch nur für möglich gehalten, den Fall Bernhard gänzlich zu klären. Was ich im Sinn hatte, war nichts anderes als eine Annäherung - und diese konnte stets nur bedingt gelingen. Seine Prosa ließ sich nicht durchschauen: Sie blieb auch dann, wenn er scheinbar unbeschwert und munter erzählte, unheimlich und beklemmend. Und je besser ich sie zu verstehen glaubte, desto mehr beunruhigte und irritierte sie mich.

          Meine Gespräche mit Bernhard haben in der Regel nicht viel ergeben. Ich habe ihn mehrmals getroffen: in Salzburg und in Frankfurt und einmal, im August 1982, in seinem Haus in Ohlsdorf, wo wir uns einige Stunden unterhielten. Es waren entspannte und angenehme Unterhaltungen - angenehm wohl deshalb, weil wir niemals auch nur erwähnten, was wir beruflich machten: Ich wollte nichts über seine Arbeit erfahren, und auch er stellte keine Fragen, die auf Literatur oder Kritik abzielten.

          Von manchen unserer Schriftsteller ließe sich sagen: Er ist einer von uns - also von uns, den Literaten. Für Thomas Bernhard gilt dies mit Sicherheit nicht. Niemand konnte auf ihn Anspruch erheben, er war ein extremer Einzelgänger, ein programmatischer Außenseiter. Sein OEuvre, das epische wie das dramatische, spottet aller Vergleiche, es widersetzt sich, wenn auch nicht der Auslegung, so doch der Festlegung. „Sein Talent ist inkommensurabel“ - heißt es in einem Gespräch Goethes über Lord Byron.

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