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Fragen Sie Reich-Ranicki : Dichter und dennoch Denker sein

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Die Lyrikerin Hilde Domin Bild: picture-alliance / dpa

Er gab der deutschen Sprache die Anmut und Leichtigkeit, den Charme und Esprit: Marcel Reich-Ranicki über die Verführung der deutschen Literatur durch Heinrich Heine und die Lyrik Hilde Domins.

          Nach Schiller und Goethe sehnte sich die deutsche Sprache nach jemandem, der ihr das Mieder lockert: Marcel Reich-Ranicki über die Revolutionierung der deutschen Literatur durch Heinrich Heine und die Lyrik Hilde Domins.

          Karl Kraus sagt so in etwa, Heinrich Heine habe der deutschen Sprache so weit das Mieder geöffnet, dass sich jeder Ladenschwengel an ihr vergreifen könne. Hat er? Und, falls ja, durfte er das nicht? Michael Füting, München

          Marcel Reich-Ranicki: Heines Biographie reicht vom jüdischen Mittelalter bis zur europäischen Neuzeit. Heines Werk führt von der deutschen Romantik zur Moderne der Deutschen. Ihm, nur ihm gelang, was nach der Ära Goethes und Schillers, Kleists und Hölderlins dringend nötig war: die radikale Entpathetisierung der deutschen Dichtung. Er befreite sie vom Erhabenen und Würdevollen, vom Hymnischen und Feierlichen und auch vom Dunklen. Er gab ihr, was sie dem deutschen Leser meist vorenthalten hatte: Leichtigkeit und Anmut, Charme und Eleganz, Witz und Esprit, Rationalität und Urbanität und gelegentlich auch Frivolität.

          Dass sich der Gesang und der Gedanke nicht gegenseitig auszuschließen brauchen, wusste man schon vor Heine. Schon andere hatten bewiesen, dass es sogar in deutschen Landen möglich ist, ein Dichter und dennoch ein Denker zu sein. Aber erst Heine vermochte die makellose Synthese aus Poesie und Intellekt zu verwirklichen, ohne dabei die Lyrik – wie das in Deutschland oft üblich war – mit der Philosophie zu befrachten.

          Den deutschen Vers hat er mit der Umgangssprache, mit dem Vokabular des Alltags erneuert und bereichert, ohne ihm deshalb das Dichterische wegzunehmen, um nicht zu sagen: ohne ihn des Dichterischen zu berauben. Die deutsche Prosa hat er mit lyrischen Tönen, Bildern und Rhythmen belebt und gesteigert, ohne sie damit etwa zu poetisieren.

          Als Karl Kraus in seinem berühmt-berüchtigten Pamphlet von „jenem Heinrich Heine“ schrieb, „der der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert hat, dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können“, da wies er, freilich ohne es zu wollen, auf eine der gewaltigen Leistungen Heines hin. Denn die deutsche Sprache hatte sich damals nach einem gesehnt, der sich ihrer erbarmen und ihr endlich das Mieder lockern würde.

          Indem Heine die Sprache der deutschen Literatur entrümpelte und modernisierte, schuf er die wichtigste Voraussetzung für ihre Demokratisierung, die er selber – wie kein anderer deutscher Dichter des neunzehnten Jahrhunderts – auch zu realisieren vermochte. Wovon die besten seiner Vorgänger geträumt hatten, war ihm geglückt: die Überwindung der Kluft zwischen der Kunst und der Wirklichkeit, zwischen der Poesie und dem Leben.

          Hierher gehören auch Heines Verdienste um die Entwicklung des Journalismus. Er war es, der gezeigt hat, dass ein und derselbe Mann ein genialer Poet und dennoch ein professioneller Zeitungsschreiber sein kann. Heine, der bedeutendste Journalist unter den deutschen Dichtern und der berühmteste Dichter unter den Journalisten der ganzen Welt, war, zumindest in Deutschland, der Erste, der die Möglichkeiten der modernen Presse erkannte und von ihnen auch ständig Gebrauch zu machen wusste.

          Eben dies hat ihm wohl die meisten Feinde eingebracht. Man fürchtete seine Gedanken und Anschauungen, gewiss, aber noch mehr fürchtete man seine Fähigkeit, diese Gedanken und Anschauungen so auszudrücken, dass sie für zahllose Leser plausibel und attraktiv wurden.

          Demnächst wäre die große Lyrikerin Hilde Domin hundert Jahre alt geworden. Was wird von Hilde Domin bleiben? GK Deutsch des Karl-Theodor-von-Dalberg-Gymnasiums, Aschaffenburg

          Marcel Reich-Ranicki: Einige Gedichte, immerhin. Mehr nicht? Nein, wohl nicht.

          Meinen Mann und mich hat der Roman „Die Insel“ von Matthias Wegehaupt sehr begeistert. Wir finden die Atmosphäre, die in der DDR herrschte, meisterhaft wiedergegeben. Können Sie dieser Meinung zustimmen? Dörte Lauterbach

          Marcel Reich-Ranicki: Nein, das kann ich nicht. Ich habe nie auch nur eine Zeile von diesem Wegehaupt gelesen, nie seinen Namen gehört, auch nicht in einem Nachschlagewerk gefunden. Haben Sie ihn vielleicht erfunden? Nein, das wahrscheinlich nicht. Aber dass man ihn in der Bundesrepublik überhaupt nicht wahrgenommen hat, macht den Fall etwas dubios.

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