https://www.faz.net/-gr0-ykk1

Fragen Sie Reich-Ranicki : Der polnische Goethe

  • Aktualisiert am

Kunst und Leben: Polens Dichterfürst Adam Mickiewicz durfte mindestens bis zum Ersten Weltkrieg nicht kritisiert werden. In Deutschland hat sein wunderbares Nationalepos trotz zahlreicher Übersetzungen keine Leser finden können.

          Fortsetzung vom 6. März: Obwohl ich in Polen lebe, weiß ich über polnische Literatur sehr wenig. Was ist von ihr zu halten? Jürgen Wiedemann, Warschau

          Marcel Reich-Ranicki: Die polnische Literatur hat damals, als der polnische Staat nicht mehr existierte, immer mehr Pflichten als Rechte gehabt. Die Polen hatten sich der Germanisierung und der Russifizierung zu erwehren. Die Literatur sollte die Nation zusammenhalten, die auseinanderzufallen drohte, den Staat ersetzen, den es nicht mehr gab. Von den Schriftstellern und Künstlern wurde stets erwartet, dass sie alles auf dem Altar des Vaterlandes opferten. Adam Mickiewicz hat es Chopin verübelt, dass er Walzer und Mazurken komponierte, die immerhin genial waren. Er verlangte von ihm allen Ernstes eine polnische Nationaloper. Ein polnischer Kritiker der zwanziger Jahre ging sogar so weit, zu erklären: „Wir haben gar keine Literatur. Wir haben ein patriotisches Mädchen für alles.“

          Mickiewicz verkörpert am stärksten das polnische Ideal des Dichters: In seiner Biographie und in seinem Werk drückt sich die Synthese von Kunst und Leben, von Geist und Tat am klarsten aus. Nur wenn man die nationale Tragödie der Polen berücksichtigt, die im 19. Jahrhundert des Volkes Neigung zur Mystik und Religiosität noch gesteigert hat, kann man es begreifen, dass sowohl Mickiewicz als auch seine beiden bedeutendsten Zeitgenossen, Slowacki und Krasinski, mindestens bis zum Ersten Weltkrieg nicht kritisiert werden durften.

          Stanislaw Wokulski gab es nicht

          Sie avancierten fast zu Nationalheiligen, und wer es wagte, sich kritisch über diese „Seher“ zu äußern, der wurde sofort des Vaterlandsverrats bezichtigt. Das Verhältnis der Polen zu Mickiewicz war in der Vergangenheit - etwa bis zu den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts - vergleichbar mit dem Verhältnis der Deutschen zu Goethe, dem der Engländer zu Shakespeare und der Franzosen zu Molière. Für die westliche Welt, aber nicht für die Polen, war es erstaunlich, dass 1919 ein Künstler Ministerpräsident des wiedererrichteten Staates wurde: der Komponist und Pianist Ignacy Paderewski.

          Auf der schönsten Straße Warschaus fiel mir einmal eine Gedenktafel auf, eine ganz gewöhnliche, wie man sie in allen Hauptstädten Europas finden kann. Die Inschrift war es, die mich verblüffte. Sie besagte, dass in diesem Haus einst der Laden von Stanislaw Wokulski gewesen war. Aber einen Bürger dieses Namens hat es nie in Warschau gegeben. Denn der Wokulski ist eine erfundene Figur, sie stammt aus einem der erfolgreichsten polnischen Romane, der „Puppe“ von Boleslaw Prus, veröffentlicht 1889.

          Erfordernisse der Zensur

          Je mehr die polnische Literatur den unterschiedlichen Ansprüchen nachkam, desto mehr war sie für die Ausländer unverständlich und auf Kommentare angewiesen. Das Nationalepos der Polen, der „Pan Tadeusz“ von Mickiewicz, beginnt mit den Worten: „O Litauen, du mein Vaterland . . .“ Schon braucht der deutsche Leser eine Erläuterung. Also Lyrik mit Anmerkungen? Das ähnelt, fürchte ich, der Liebe mit einem Sexualleitfaden in der Hand. Das wunderbare Epos „Pan Tadeusz“ wurde fünfmal ins Deutsche übersetzt und hat hier doch keine Leser gefunden.

          Diese Literatur, die stets intensiv mit nationalen, wenn nicht regionalen Fragen befasst war und immer auch noch die Erfordernisse der Zensur, zumal der zaristischen, zu umgehen hatte, konnte also schwerlich ein Echo im Ausland haben. Überdies sind in der polnischen Literatur rein poetische Werke (Gedichte, Versepen, Versdramen) erheblich origineller als die Prosawerke. Viele dieser Dichtungen hat man ins Deutsche übertragen, es sind bessere oder schlechtere Übersetzungen, doch eins haben sie alle miteinander gemein: Sie geben vom Fluidum, vom Charme dieser Dichtung nur wenig oder gar nichts wieder.

          Weitere Themen

          Als The Smiths noch frisch klangen Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Bumblebee“ : Als The Smiths noch frisch klangen

          Wer bisher kein Fan von den Transformers-Filmen war, sollte sich „Bumblebee“ auf keinen Fall entgehen lassen: Wie Charlie Watson, gespielt von Heilee Steinfeld, zusammen mit dem gelben Metallkäfer die Filmreihe rettet, erklärt Dietmar Dath.

          Das Gör ist Ingenieur

          Video-Filmkritik „Bumblebee“ : Das Gör ist Ingenieur

          Kein Wunder, dass sich das Mädchen in diesen melancholischen Metallsoldaten verliebt: „Bumblebee“ steht für einen Karosseriewechsel der „Transformer“-Filmreihe. Wenn dies kein Weihnachtsfilm ist, gibt es dieses Jahr weder Weihnachten noch Filme.

          „Bumblebee“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Bumblebee“

          Am 20. Dezember kommt der Prequel des 2007 Transformers „Bumblebee“ in die deutschen Kinos. Im Mittelpunkt steht der gleichnamige Transformers-Charakter.

          Topmeldungen

          Neuer Datenmissbrauch : Facebook ist von innen faul

          Fast jede Woche kommen neue Belege für ein ruchloses Verhalten von Facebook ans Licht. Jetzt wird bekannt, dass der Konzern munter Daten mit mehr als 150 Unternehmen geteilt hat – ohne Einverständnis seiner Nutzer. Apple zeigt, wie es besser geht. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.