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Fragen Sie Reich-Ranicki : Der Lümmel aus Stratford war nicht unbegabt

  • Aktualisiert am
Porträt des Lümmels als älterer Herr: William Shakespeare
          2 Min.

          Soll sich ein Nachwuchsautor zu Beginn seines Schaffens mit seinesgleichen umgeben und über seine und deren Werke austauschen, oder ist es für die Entwicklung eines Schriftstellers besser, wenn er sich allein und von Kritik und Vergleich unbeeinflusst seiner Schreiberei widmet? Wie war das bei Ihnen?
          Hannes Blank, Karlsruhe

          Marcel Reich-Ranicki: Diese Entweder-oder-Fragestellung gefällt mir nicht. In Wirklichkeit ist es doch anders. Wenn junge Menschen anfangen zu schreiben, dann sind sie sehr zufrieden, wenn sie einen Freund finden, der sich ebenfalls bemüht, etwas Literarisches zu verfassen. Vor allem aber: Niemand beginnt zu schreiben, ohne vorher allerlei gelesen zu haben - in Büchern, in Zeitschriften. Und das ist gut so. Denn man fängt nicht an, ohne Vorbilder zu haben. Das gilt auch für Shakespeare.

          Wie der angefangen hat, kann ich mir denken. Sein Intendant brauchte dringend ein neues Stück und gab ihm ein Manuskript, das, wie er sagte, schlecht sei, das man aber vielleicht bearbeiten könne. Shakespeare machte sich ans Werk - und die Sache hatte Erfolg. Der Intendant kapierte, dass dieser junge Mann, dieser Lümmel aus Stratford, nicht unbegabt war, und ließ ihn weitere Stücke für sein Theater liefern, ob neu geschrieben oder bearbeitet - das war ihm egal, das wollte er gar nicht wissen.

          Der Briefschreiber aus Karlsruhe möchte noch erfahren, wie das bei mir war. Ich interessierte mich in meiner Schulzeit vor allem für Literatur, mein Freund für Musik. Wir ergänzten uns auf erfreuliche Weise: Er sprach viel über Mozart, ich (schon damals) über Shakespeare. Wir kamen beide dabei gut weg. Auch hatte ich einen ausgezeichneten Lehrer, der sich mit mir viel Mühe gab.

          Was halten Sie von Goethes Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“? Ich habe sie gerade zum ersten Mal gelesen und fand sie unglaublich langweilig. Sie auch?
          Friedrich Lang, Kassel

          Marcel Reich-Ranicki: Na und? Was erwarten Sie von mir? Das Buch ist für Sie offensichtlich nicht geeignet. Lesen Sie einen Roman, den ich Ihnen dringend empfehle: „Die Leiden des jungen Werthers“, ebenfalls von Goethe. Er war ein sehr begabter Autor, Sie können es mir glauben. Sie werden mir dankbar sein.

          Ich lese manche Sachbücher mit ähnlichem Vergnügen wie die von Ihnen empfohlenen belletristischen Werke. Können Sachbücher „Literatur“ sein?
          Dr. Manfred Gutz, Kaiserslautern

          Marcel Reich-Ranicki: Im neunzehnten Jahrhundert ist das populärwissenschaftliche Buch entstanden. Es erfüllte eine wichtige Aufgabe: Es sollte verschiedene Gebiete und Errungenschaften der Wissenschaft dem breiten Lesepublikum bekanntmachen. Aus diesen sehr erfolgreichen populärwissenschaftlichen Publikationen entstanden im frühen zwanzigsten Jahrhundert die Sachbücher. Sie waren vor allem für die gebildeten, intelligenten und auch neugierigen Leser bestimmt, denen Wissenschaft möglichst ohne Fachausdrücke geboten wurde, und sie wollten das Publikum nicht nur informieren und belehren, sondern auch unterhalten.

          Im Laufe der Zeit wurden die Sachbücher immer besser, immer anschaulicher, und bald fanden sie immer mehr Leser, zumal wenn sie neben anderen Qualitäten in manchen Fällen auch literarische Eigentümlichkeiten aufwiesen. In diesem Sinne können Sachbücher in Grenzen auch literarische Werke sein.

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